Samstag, 12. November 2005

Neue Einsparungen im Einzelhandel: Wir sparen uns das Verkaufen!

Ich denke, ich habe es hier schon öfter angedeutet: Meiner Ansicht nach ist nicht die schlechte Konjunktur schuld an der Krise des Einzelhandels; es liegt auch nicht an einer Konsumverweigerung des Kunden. Vielmehr ist das Problem hausgemacht. Der Einzelhandel schaufelt sich durch seine Geschäftspolitik oder simple betriebswirtschaftliche Fehler selbst sein Grab.
  Ganz nach dem Motto: »Mein Laden könnte so schön sein, wenn nur nicht immer wieder Kunden drin rumlaufen würden.«


Heute möchte ich diese Einschätzung mal wieder durch zwei konkrete Beobachtungen aus der Praxis untermauern. Beispiel 1: »Bitte lasst diese dekorativen Plätzchen hier liegen. Die sind nur zum Anschauen, nicht zum Kaufen!«
  Gestern beim Einkaufen sah ich nämlich in der Weihnachtsecke beim Plus ein Paket Plätzchen liegen, die recht appetitlich aussahen. Ich überlegte mir tatsächlich, eine Tüte dieser Produkte zu kaufen. Damit hatte der Händler anscheinend nicht gerechnet, denn er hatte die Preisauszeichnung vergessen.
  Ich schaute mich gründlich um. Preise auf der Ware sind ohnehin von gestern; daran habe ich mich inzwischen ja gewöhnt. Aber auch an dem Korb, in dem die Kekstüten lagen, war kein Preisschild zu erkennen. Dieser Korb war Bestandteil eines großen Ständers, und oben am Ständer waren auch jede Menge Preisschilder angebracht, für all die Waren, die im Ständer untergebracht sind. Da nun die Preise nicht unbedingt über der Ware zu finden sind, zu der sie gehören, musste ich sämtliche Preisschilder durchlesen, die dort hingen.
  Das war nicht uninteressant, denn ich konnte dabei feststellen, dass ungefähr 99 Preisschilder dabei waren, zu denen es gar keine Waren gab. Dafür fehlte das gesuchte Preisschild völlig.
  Nun hätte ich das Abenteuer noch verlängern können, indem ich einen Verkäufer suche und nachfrage. Aber irgendwie stellte ich fest, dass mir der Ärger über die vergebliche Suche auf den Magen geschlagen und der Appetit auf die Kekse ohnehin vergangen war. Also verzichtete ich auf den Kauf und sparte mir das Geld.


Zu meinem Ärger trug auch eine weitere Beobachtung bei, die ich kurz vorher machte und die ich jetzt als Beispiel 2 vorstellen will, unter dem Titel: »Kunde, kauf was ich will – nicht was du willst.«
  Dieses Beispiel hat eine Vorgeschichte: Wir kaufen regelmäßig Dosen mit Currywurst, um daraus bei unseren Rollenspielabenden Pizza zu machen. Und, ja, ehe die Rückfragen kommen: Das schmeckt tatsächlich und ist sehr beliebt, aber das tut hier nichts zur Sache.
  Wichtig ist in erster Linie, dass diese Dosen mit Currywurst im Laden nur in Kartons mit zwei anderen Produkten angeliefert werden: Ein Drittel der Dosen im Karton sind Currywurst, ein Drittel »Currybällchen« und ein weiteres Drittel ... äh, irgendwas anderes. Jedenfalls stellte sich rasch heraus, dass nicht nur wir diese Currywurst mochten, sondern auch andere Kunden. Und so kam es, dass sich bald ein Dutzend Kartons stapelten, in denen jeweils die Currywurst ausverkauft war, während die anderen Dosen liegen blieben.
  Kaufmännisch kluges Verhalten wäre es nun gewesen, mehr von der Currywurst zu ordern und weniger von dem Rest. Der Lieferant muss sich halt der Nachfrage anpassen, oder sterben. Stattdessen versuchte der Händler, den Kunden zu erpressen und so lange keine Currywurst mehr anzubieten, bis die Kunden auch den Rest der Dosen aufgekauft hatten. Das Ergebnis war deutlich zu beobachten: Wochenlang blieben die zweidrittelvollen Kartons stehen und der Laden verkaufte von diesem Produkt überhaupt nichts mehr.
  Inzwischen allerdings wurde für das Problem eine Lösung gefunden: Die Kartons werden nun so hingestellt, dass man die Currywurstdosen als uneingeweihter Kunde nicht mehr sehen kann und auch nur noch unter Verrenkungen drankommt. Die Rechnung geht auf: Die Currywurst ist seither nicht mehr vorzeitig ausverkauft, und als gut informierter Kunde, der weiß, wo sie sich versteckt, findet man immer noch einen ausreichenden Vorrat der gesuchten Dosen.
  Ich könnte also zufrieden sein – wenn ich nicht pausenlos bei diesem Anblick den Kopf schütteln müsste über die betriebswirtschaftliche Dummheit. Die »Schnelldreher« und umsatzstarken Produkte nach hinten stellen, wo niemand sie sieht, und sie hinter den Ladenhütern verstecken! Hallo? Gibt's hier irgendwo Kaufmannsgehirne billiger?
  Jetzt verkaufen sich vielleicht alle Sorten im Karton gleich gut – aber viel eher wohl gleich schlecht. Denn die schlecht verkäuflichen Waren bestimmen nun den Gesamtumsatz, und der einstige Renner wird jetzt nur noch von denen gekauft, die wirklich danach suchen; Laufkundschaft ausgeschlossen.
  Und das eigentlich Traurige ist, dass nun womöglich die gut verkäuflichen Currywürste irgendwann aus dem Programm verschwinden werden. Denn ich fürchte, in der Buchführung werden nur die insgesamt verkauften Kartons erfasst, und die Geschäftsführung wird gar nicht mitbekommen, dass sich in diesem Sammelpaket ein Verkaufsschlager befindet, der nur vom übrigen Gebinde künstlich ausgebremst wird.
  Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Schlüsselprodukt auf diese Weise aus dem Laden verschwindet.

Donnerstag, 10. November 2005

Geburtstag

heute gibt es mal wieder eine kleine Meldung aus meinem persönlichen Leben ... Gestern hatte ich ja Geburtstag. Nach der vielen Arbeit in letzter Zeit wollte ich den wirklich entspannt verbringen. Einfach mal was ganz anderes tun; Aufregung, Abenteuer und Erholung – wie bringt man das alles in einem einzigen Ei, ich meine: an einem einzigen Tag unter?
  Mein guter Anfang: Ein Besuch beim Augenarzt. Das klingt zunächst vielleicht nicht sonderlich spektakulär. Allerdings kriegt man beim Augenarzt ja die coolen Tropfen, von denen man vielleicht nicht wirklich betrunken wird, nach denen man aber auch nicht mehr viel von seiner Umwelt mitbekommt. Oder zu viel – wenn man nämlich doppelt sieht, weil man nichts mehr richtig fixieren kann.
  Also, ein guter Start in den Tag.


Aber nicht so gut, dass man nicht einen draufsetzen könnte. Da heißt es, Synergieeffekte nutzen: Wenn ich schon mal in der Stadt bin, und ohnehin nicht Autofahren kann, dann kann ich zumindest das Fahrrad von der Inspektion abholen.
  Die Heimfahrt war sehr erfrischend; das Wetter schön. Sonne und pupillenerweiternde Tropfen haben übrigens eine interessante Wechselwirkung, die beim Radfahren zu einem psychedelischen Flimmereffekt führt.
  Das war also schon mal Aufregung und Abenteuer, in gewisser Hinsicht aber auch Erholung – denn wenn man nichts sieht, kriegt man von der Aufregung und dem Abenteuer zugleich so wenig mit, dass man ganz entspannt bleiben kann.
  So hatte ich Mittags schon das Tagesziel erreicht und konnte mich getrost wieder ins Bett legen.


Äh, ja, so oder so ähnlich verlief also die erste Hälfte meines Geburtstages. Mittags kam dann der gemütliche Teil: Das Auspacken der Geschenke. Darunter unter anderem der schon früher erwähnte AlphaSmart 3000, auf dem ich auch diesen Beitrag hier getippt habe; und eine Atari Flashback Konsole. Ich gebe zu, so langsam komme ich in das Alter, wo man nostalgisch wird und dumme Dinge tut, wenn sie nur irgendwie mit den 80ern zu tun haben.
  Dazu einige DVDs und Bücher; die Zeit zum Lesen wünsche ich mir dann im nächsten Jahr. Man muss ja auch noch was haben, auf das man sich freuen kann ...
  Apropos dumme Dinge: Zum familiären Kaffee habe ich mir eine Harry-Potter-Torte gegönnt. Und da sage noch einer, ich könne nicht wirklich dekadent sein. Und anschließend kam ein Kinobesuch: Wallace und Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen. Den Film kann ich sehr empfehlen; vor allem auch wegen der vielen Anspielungen und Zitate. Und die Figuren sind natürlich liebevoll gemacht. Allein dafür werde ich ihn wohl noch öfter sehen müssen.
  Zum Ausklang des Tages dann wieder ein wenig Abenteuer: Das Abendessen. Na ja, ich wurde 37, da versteht man unter Abenteuer vielleicht was anderes als mit 17 ... Mümmel, mümmel ... Nein, ich kann durchaus noch vernünftig essen, und abenteuerlich war eher die Suche nach einem geeigneten Restaurant. Die halbe Schokotorte (mit Marzipan-Potter inklusive Drache und Schriftrolle sowie Knisterbrause) lag mir noch etwas schwer im Magen, so dass Steak und Hefeteig nicht in Frage kamen. Das Restaurant erster Wahl war dann geschlossen, und schließlich landeten wir beim Chinesen. Der McDonalds-Gutschein für den doppelten BigMac muss also noch ein paar Tage in meiner Tasche ausharren.
  Komisch, irgendwie gibt es jedes Jahr eine solche Odyssee von einem geschlossen Lokal zum nächsten. Allmählich frage ich mich, ob es einen Grund hat, dass man am 9. November in Leverkusen und Umgebung kaum ein geöffnetes Restaurant findet. Oder dass zumindest die Restaurants, die ich aufsuchen will, die Türen geschlossen halten und die Lichter löschen.
  Dabei findet meine offizielle Feier doch erst am 19. statt ...


Ach ja, das beste habe ich noch vergessen: Ich habe mir fest vorgenommen, an diesem meinen Geburtstag nicht zu arbeiten und meinen »freien Samstag« zu nehmen. Keine Übersetzung ... Das ist in letzter Zeit selten.
  Es ist auch erstaunlich, wie lang so ein Tag unter diesen Umständen sein kann. Denn trotz aller oben beschriebenen Aktivitäten hatte ich doch noch Zeit, diesen Blogeintrag zu tippen. Und den ein oder anderen weiteren Eintrag auf Vorrat oder zum Nachholen. Und Forenbeiträge. Und ... Und ... Und ...
  Zeit ist irgendwie auch ein schönes Geburtstagsgeschenk.

Mittwoch, 9. November 2005

Münte soll den Karren aus dem Dreck holen ... und fährt ihn vor die Wand

Nun auch noch ein Kommentar von mir zu Münteferings Sturz; ein wenig spät, wegen akutem Zeitmangel in den letzten Wochen. Aber dafür habe ich es an anderer Stelle »schon gleich« gesagt, nämlich in meinem Blogeintrag zum 19.9. direkt nach der Wahl:
  »Schröders Sturz, der im Rahmen einer großen Koalition vermutlich unumgänglich wäre, würde zugleich auch die Teile der SPD schwächen, die einer großen Koalition am besten zuarbeiten können.«
  Nun, ich muss sagen: Der damals prognostizierte Konflikt mit den linken Strömungen in der SPD kam jetzt deutlich früher zum Tragen als ich seinerzeit erwartet hätte. Ich hätte der SPD durchaus zugetraut, zumindest die Koalitionsverhandlungen zum Abschluss zu bringen, ehe sie wieder untereinander zu streiten anfangen.


Im Gegensatz zu »manch anderem« Kommentator bin ich allerdings nicht der Ansicht, dass Münteferings Sturz dem SPD-Präsidium anzulasten ist. Diesen Karren hat er ganz alleine und ohne Not vor die Wand gefahren.
  Jedem Beobachter der politischen Szene war klar, dass die Partei einen anderen Kandidaten wollte als Müntefering. Müntefering wollte allerdings ein Ergebnis in seinem Sinne erzwingen. Vermutlich dachte er, er könne es einfach so halten, wie Schröder es oft genug vorgemacht hat: Eine Sachfrage zu einer persönlichen Entscheidung hochstilisieren. Da Müntes Spezi Wasserhövel eine faire Wahl nicht gewinnen konnte, wollte Müntefering vorsichtshalber lieber über sich abstimmen lassen; also nicht: Wer wird Generalsekretär(in)? Sondern: Seid ihr für mich oder gegen mich?
  Was Müntefering leider übersehen hat: Er ist kein Schröder und beherrscht dieses Spiel nicht. Eine Abstimmung über die Persönlichkeit konnte er nur verlieren, denn die Sache und der Kompromiss war stets Münteferings einzige Chance; der Grund, warum er überhaupt an der Stelle stand, wo er bis zu seinem Rücktritt gestanden hat.
  Jetzt steht er nicht mehr da, und das ist irgendwie auch folgerichtig so.


Manch einen habe ich nun darüber klagen hören, dass die SPD sich selbst zerfleischt; dass sie Müntefering in den Rücken gefallen ist, gar die Gefolgschaft verweigert hat ... Ich vermisse in der Presse die Stimmen, die Müntefering klipp und klar die Verantwortung zuweisen, die er auch trägt. Was hätte der SPD-Vorstand tun sollen? Etwa den Kandidaten absegnen, den Müntefering vorschlug, obwohl er ihnen aufgezwungen wurde?
  Moment mal! Wenn Müntefering ein Recht darauf gehabt hätte, den General seiner Partei zu bestimmen, warum darf dann der Parteivorsitzende den Generalsekretär nicht einfach ernennen? Die Regeln sind nun mal nicht so: Generalsekretär ist ein Wahlamt. Und dass der Kandidat eines Wahlamtes von oben vorgeschlagen und von den Wählern nur noch abgesegnet wird – so etwas darf es in einer Demokratie eigentlich nicht geben!
  Warum sind so viele Medien noch nicht in der angeblich so gefestigten Demokratie angekommen? Warum huldigen viele Kommentatoren der politischem Presse nicht dem demokratischem Prozedere, sondern viel lieber einer »starken Führung«? Nun, das Vokabular dabei ist schon verräterisch: »Königsmord« las ich zu Münteferings Sturz beispielsweise in meiner Tageszeitung; da schimmert doch gleich die Geisteshaltung der entsprechenden Journalisten in der Wortwahl durch.


Und damit schließt sich der Kreis, und ich bin auch an der Stelle angekommen, wo ich das eigentliche Drama von Münteferings Sturz sehe. Für die SPD war der Vorfall gar nicht mal so schädlich: Der Konflikt, der hier aufbrach, war abzusehen und unvermeidlich – sonst hätte ich es wohl kaum schon vor zwei Monaten vorausgesehen. Dass er früher eintrat als erwartet, mag heilsam sein. Besser ein schneller, sauberer Schnitt als ein monatelang schwelender Streit, und unter Platzeck können sich die Kräfte der Nach-Schröder-Ära womöglich neu stabilisieren.
  Aber verheerend fand ich das Bild, dass die politische Presse in dieser Angelegenheit abgab. Eigentlich soll die Presse in der Demokratie ein Wächteramt innehaben. Wenn dieses Wächteramt nun aber von Persönlichkeiten mit eher monarchistischer Gesinnung wahrgenommen wird – wer bewacht dann diese Wächter?

Montag, 31. Oktober 2005

Der Termin, der letzte Termin und der allerletzte ...?

In letzter Zeit war ich hier ein wenig wortkarg: Inzwischen betreue ich nämlich als Übersetzer drei Reihen mit regelmäßigen Fortsetzungen. Und wie man sich eigentlich hätte denken können, kommen jetzt die nächsten Bücher aus allen drei Reihen faktisch zeitgleich auf mich zu.
  Natürlich hätte ich einen Reihentitel abgeben können, aber wer macht das schon gerne? Zum einen hat man »seine« Reihen ja durchaus lieb gewonnen, zum anderen hat man auch schon oft gesehen, dass jeder Übersetzer so seine eigenen Vorlieben hat und das man sich vermutlich über das ärgern wird, was der Kolle mit »der eigenen« Reihe so anstellt ...
  Also heißt es Zähne zusammenbeißen, Urlaub streichen und ran an die Tastatur. Und bis nächsten März bin ich gut beschäftigt. Und der Abgabetermin für den ersten Titel war letzte Woche, weshalb es in den Tagen davor ein wenig hektisch zuging.


Zum Glück wissen aber auch die Lektoren im Verlag, dass ich eine Menge zu tun habe. Also bekam ich, netterweise, diesmal zu den offiziellen Abgabeterminen auch inoffizielle genannt. Zumindest zu den beiden letzten Titeln. Da habe ich für die Abgabe nun ca. +/- einen Monat mehr Zeit, als offiziell im Vertrag steht.
  Aber wie das so ist: Wenn man jemandem den kleinen Finger reicht ... Also, ich habe dadurch erfahren, dass die Termine in den Verträgen durchaus einen Spielraum lassen, dass es also noch einen »Termin nach dem Termin« gibt. Und so dachte ich mir, das lässt sich vielleicht für die Planung aller drei Titel nutzen.
  Ich habe daher auch nach dem inoffiziellen Termin für den ersten Roman gefragt. Auch wenn der an sich nicht zeitkritisch war, hätte es mir eine Verschiebung doch erlaubt, die Arbeit etwas besser einzuteilen, den Rohtext erst mal liegen zu lassen, andere Projekte vorzuziehen und mit ein wenig Abstand den Text gründlicher zu überarbeiten.
  Langer Rede kurzer Sinn: Es gab einen solchen Termin tatsächlich, und so bekam ich ein wenig zusätzliche Zeit auch für das erste Buch – und das tat der Übersetzung sicher gut.


Die »Woche nach der Buchmesse« war also schon ein Termin »nach Verlängerung«, und da war ich natürlich besonders fest entschlossen, diesen Termin zumindest eisern einzuhalten. Ich dachte mir ja nach dieser Verlängerung wunders, wie drängend dann der Drucktermin sein muss. Und Termine sind mir im Grunde ohnehin heilig: Da ich selbst auch als Lektor arbeite, weiß ich, wie es hektisch es werden kann, wenn der Übersetzer zu lange überzieht und der letzte Bearbeiter den Zeitverlust ausgleichen muss.
  Ich habe also richtig reingeklotzt, war pünktlich fertig – und plötzlich war niemand zu sehen, der die Übersetzung haben wollte. Die zuständige Bearbeiterin war noch anderweitig beschäftigt, der Lektor im Verlag sah alles ganz gelassen und freute sich auf seinen Urlaub. Und sein Vertreter leitete mir die Information weiter, dass der endgültige Termin für den Satz erst kurz vor Weihnachten liegt. Und anderthalb Monate sind tatsächlich noch eine großzügige Zeit für ein Lektorat. Es besteht also tatsächlich kein Grund zur Hektik.


So viel also zu meinem Terminstress in den letzten Wochen. Und den ungewöhnlichen Abschluss des Ganzen, der mich mit zwei Gedanken zurücklässt:
  Zum einen, wenn der endgültige, eilige und inoffizielle Abgabetermin dem Lektor noch sieben Wochen Zeit für seine Arbeit lässt – um wie viel müssen dann die Übersetzer überzogen haben, die mir als Bearbeiter nur noch ein bis zwei Wochen Zeit übrig ließen?
  Und der zweite, wichtigere, noch näher liegende Gedanke: Nachdem ich nun erfahren habe, dass es nach dem zweiten, inoffiziellen und verlängerten Abgabetermin noch einen dritten, endgültigen und eiligen Abgabetermin gibt, da frage ich mich für meine beiden noch ausstehenden Übersetzungen doch ... Aber nein, pfui, böser Gedanke. Mit so was wollen wir hier gar nicht erst anfangen!

Mittwoch, 26. Oktober 2005

Sprachfehler des Tages

Im Moment und bis zum Ende der Woche ist hier noch so viel Stress, dass ich nicht mal dazu komme, mein Blog zu pflegen. Ein paar Einträge schlummern noch auf der Festplatte, aber sie müssten noch ausformuliert und korrigiert werden - bis ich dazu komme, hier kurz als Lückenfüller ein Fundstück aus dem Beipackzettel von Vitamintabletten:

"Verzehrempfehlung und weitere Handlinghinweise"

Hm, was für schönes Dinglish. Warum nicht einfach "... und weitere Hinweise", oder meinetwegen auch "... und weiteres Handling"? Oder womöglich sogar eine richtig schöne Formulierung?

Was dieses unglückliche Englisch-Deutsch-Kompositum "Handlinghinweise" so für Assoziationen weckt ... Ob der Hersteller der Vitamine seine Präparate wohl sorgfältiger zusammenmischt als die Sprache auf seinem Beipackzettel? Oder ob bei der Produktion der Tabletten aus Kostengründen auch nur dieselben ungeschickten Nichtskönner sitzen, die schon die Anleitung dahingeschludert haben? Ich seh sie förmlich vor mir, wie mit ihren plumpen Fingern und tumben Hirnen die unpassendsten Komponenten in den kleinen Pillen zusammenfummeln wollen, und, wenn grad keiner hinschaut, schon mal zur Klebertube greifen, damit auch zusammenpasst, was nicht zusammengehört ...

Jedenfalls keine gute Werbung für ein Produkt.

Freitag, 14. Oktober 2005

Träume sind auch nicht mehr, was sie mal waren ...

Letzte Nacht hatte ich einen Traum: Ich tauchte in teilweise überfluteten Gewölben und stieß dort auf einen riesigen Goldschatz. Das klingt schon wie die Träume meiner Jugend: Eine spannende Abenteuergeschichte, stimmungsvoll, ein wenig düster, bedrohlich, geheimnisvoll ... und wer sich nun fragt, was daran bedrohlich sein sollte, der hätte mal die Gewölbe sehen sollen; und »geheimnisvoll« waren die Formen des Goldes.
  Nun, sei's drum.
  Viel wichtiger war, wie der Traum dann weiterging. Er war mit dem Fund des Schatzes nämlich noch nicht vorüber, sondern fing danach erst richtig an; und diesmal ging es um ganz andere Probleme: Als ich den Schatz nämlich veräußern wollte, da stieß ich auf betrügerische Händler, die mich übers Ohr hauen wollten; das Finanzamt meldete seine Rechte an; außerdem sämtliche Grundbesitzer, unter deren Land ich den Schatz gefunden hatte, oder deren Land ich auf dem Weg dorthin berührt habe.
  Und mindestens drei Viertel des Traumes brachte ich also damit zu, gegen kaufmännische und rechtliche Fährnisse zu kämpfen – mit all den Dingen also, die in richtigen Abenteuergeschichten zu Recht nicht erwähnt werden. Dabei reichten diese drei Viertel des Traumes noch nicht mal aus, um die unausgewogene Geschichte zum Abschluss zu bringen: Als ich endlich aufwachte, waren diese Probleme immer noch nicht gelöst und ich wusste immer noch nicht, wie viel von dem Schatz mir letztlich bleibt.


Zugegeben, Verhandlungen mit Kaufinteressenten aus aller Herren Länder können auch ganz interessant sein; ebenso wie der schwierige Umgang mit divergierenden Gutachten zum Wert des Schatzes; zum Gewicht des Goldes sowie zur historischen Einordnung. Das Studium rechtlicher Vorschriften zur Fundverteilung und zur Besteuerung ... Nur: Das war es eigentlich nicht, was der Traum am Anfang vermuten ließ.
  Und das sind auch nicht die Geschichten, die ich gemeinhin lese, schreibe – oder träumen will.


Ich bin verunsichert. Was ist nur geschehen? Träume ich jetzt Abenteuergeschichten für Betriebswirte und Rechtsanwälte? Eine Alterserscheinung? Der Zeitgeist schlägt zurück?
  Hilfe!
  Und was am schlimmsten ist: Wie konnte ich nur ausgerechnet während der Verhandlungen mit diesen arabischen Investoren (also auch noch billige Klischees – da muss sich irgendwo auch ein Controller in den Traum geschlichen haben!) aufwachen – das waren doch bisher die vielversprechendsten Interessenten für das Gold. Und das kurz vor dem Abschluss! So ein Mist. Was mir da alles entgangen ist ...
  Tja, Träume sind halt auch nicht mehr das, was sie vor 20 Jahren noch waren ...

Montag, 10. Oktober 2005

Deutschland wählt: »Wir hätten gern das Drittbeste!«

Kennt denn jeder diese merkwürdige Werbung? Man sieht verschiedene Leute bei verschiedenen Gelegenheiten, im Restaurant etc., und in allen diesen Fällen geben sie bekannt, dass sie gerne das zweitbeste hätten. Diese Werbung soll Aufmerksamkeit erregen und absurd klingen – denn entscheidet man sich nicht immer für das, was man für das beste hält?
  Keinesfalls, wie die Realität zeigt. Deutschland hat jetzt eine Regierung, und in der Kanzlerfrage hat das Land sich mit der drittbesten Möglichkeit zufrieden gegeben ...
Diese meine Einschätzung ist keinesfalls besonders exotisch, sondern durchaus vom allgemeinen Stimmungsbild getragen. Und inzwischen sogar mit offiziellen Umfragen belegt: Letzte Woche erst stand in der Zeitung die überraschende Erkenntnis zu lesen, dass die Deutschen weder Merkel noch Schröder als Kanzler wollen!
  Hm, war diese Erkenntnis wirklich so überraschend? Dafür braucht man eigentlich keine Meinungsforschungsinstitute, weil das Stimmungsbild im persönlichen Umfeld schon eindeutig genug ist. Bis es in den Medien ankam, hat es etwas länger gedauert - Journalisten sind nun mal nicht die schnellsten, wenn es darum geht, etwas mitzubekommen. Vor allem dann nicht, wenn sie zu sehr damit beschäftigt, den Leuten etwas einreden zu wollen, was sie gerne hätten.
  Wie auch immer die Union es in den letzten Wochen schönreden wollte: Eine Kanzlerin Merkel entspricht also nicht dem Votum des Wählers. Klar: Wenn der Wähler Merkel hätte haben wollen, hätte Schwarz-Gelb eine Mehrheit bekommen. Nun wird sie aber trotzdem Kanzlerin, und das ist deshalb die drittbeste Möglichkeit, weil es eben noch zwei weitere gegeben hätte, die dem Wählerwillen mehr entgegenkommen.
  Die beste Möglichkeit wäre es gewesen (da die Wähler nun mal weder Schröder noch Merkel wollen), dass beide zurücktreten und ein neuer Kopf an die Spitze kommt. Das war es, was das Votum des Wählers nahe legte.
  Die zweitbeste Lösung wäre das »Kanzlersharing« gewesen: ein bis zwei Jahre Schröder, und dann ein Kandidat der CDU an der Spitze. Moment mal, mag da mancher fragen: Warum wäre das die zweitbeste Lösung? Das Volk will keinen, und kriegt beide? Das klingt doch eher nach der schlechtesten Lösung!
  Nun, attraktiv war Kanzlersharing vor allem deshalb, weil man dann gewusst hätte, dass Schröder nach zwei Jahren geht. Und darauf hätte hoffen können, das Merkel nicht kommt. Für die zweitbeste Lösung sprach also vor allem die Hoffnung, dass der Wählerwille sich doch durchsetzt – wenn auch mit ein wenig Verspätung.
  Die drittbeste Lösung ist nicht einfach nur eine kleine, schrittweise Verschlechterung, die achtbare dritte Stufe auf dem Siegertreppchen. Irgendwo zwischen der zweit- und der drittbesten Lösung verlief leider die Kluft der katastrophalen Wählerwillenverdrehung. Jetzt kriegt Deutschland doch einen Kanzler, den kaum einer will, und das für vier Jahre stabil ...
  Und wenn Schröder sich doch noch breitschlagen lässt und Vizekanzler wird, kriegt der Wähler gleich beide unerwünschten Kandidaten, und zwar ohne Ablauffrist.
  Nun ja, ich möchte Personalien nicht überbewerten. Wichtiger als die K-Frage sind letztlich doch die Inhalte, und da eine große Koalition sicher der beste Ansatz. Und eine Kanzlerin Merkel ist in einer großen Koalition zumindest deutlich stärker gebunden als in einer Schwarz-Gelben Regierungsmannschaft. Also, es ist an der Zeit, die Personalfragen zum Guten wie zum Schlechten hinter sich zu lassen und lieber darauf zu sehen, was die neue Regierung in der Praxis auf die Beine stellt.
  Schade nur, dass in dieser Hinsicht die neue Regierung schon mit einer Hypothek ins Rennen geht – mit einer Kanzlerin, die schon gezeigt hat, dass sie mit Inhalten und Positionen zur Sicherung ihres Pöstchens bezahlt.

Als Fazit dieser Kanzlerwahl bleibt dann noch ein gewisser geklärter Blick auf demokratische Strukturen und die Mitbestimmung des Volkes. Es gab in der Geschichte und auch in der Gegenwart häufig die Frage, wie ein Volk bestimmte Entwicklungen nur zulassen konnte. Warum dulden afrikanische Völker korrupte Cliquen, die den Reichtum der Länder verbrennen? Warum hat der Irak sich nicht selbst von Saddam befreien können?
  Nun, diese Fragen sollte man heute besser nicht mehr stellen. Wir in Deutschland haben ein Regierungssystem, dass es den Menschen sehr viel leichter macht, Einfluss zu nehmen. Wir haben eine Demokratie, freie Wahlen, persönliche Sicherheit für politisches Engagement – und trotzdem kann das deutsche Volk nicht verhindern, dass eine Person Kanzler wird, die zwei Drittel des Volkes ablehnen.
  Was sagt das aus über politische Gestaltungsmöglichkeiten insgesamt?
  Was kann man da an politischer Selbstverantwortung anderswo erwarten?
  Diese letzte Wahl mit ihren Folgen war auf jeden Fall eine sehr plastische Demonstration der Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Mitbestimmung, und eine alles in allem relativierende Erfahrung. Und wer auch immer in Zukunft den politikverdrossenen Nichtwählern noch erzählen will, dass sie ja mitbestimmen könnten – der wird sich einen verdammt harten Gegenbeweis um die Ohren hauen lassen müssen.
  Das mag sich mittelfristig als noch größere Belastung erweisen als die Kanzlerfrage an sich.