Mittwoch, 1. November 2006

Wochenend-Rundreise durch Mittelerde

Für gewöhnlich, wenn mir jemand ein »schönes Wochenende« wünscht, lautet meine Antwort: »Ich bin Freiberufler. Ich kenne kein Wochenende.« Und meistens ist das auch richtig, denn selbst wenn ich am Abend Besuch erwarte, auf eine Feier gehe oder mich mit Freunden zum Rollenspiel treffe, arbeite ich zumindest noch am Vormittag – auch Samstags, Sonntags und Feiertags.
  Auch letzten Samstagmorgen beim Einkaufen lag mir der übliche Spruch schon auf der Zunge – wäre aber eine Lüge gewesen. Denn am letzten Wochenende hatte ich mir wirklich freigenommen, weil zum Arbeiten keine Zeit mehr blieb: Ein Herr-der-Ringe-Wochenende war geplant, alle Versionen des Kinofilms in der Extended-Version. Über 11 Stunden Film mussten am Samstag und am Sonntag gesehen werden. Auch eine sportliche Herausforderung, wie ich seit einer Star-Trek-Nacht mit vier Filmen weiß ...


Die Planungen zu diesem Event liefen schon etwas länger: Ursprünglich war es die sogenannte »Junior«-Rollenspielgruppe (deren Altersdurchschnitt inzwischen auch schon die 30 überschritten hat), die ein solches Ereignis ins Auge fasste – und zwar vor mehr als anderthalb Jahren!
  Damals hatten wir uns gerade einen Video-Beamer gekauft, und ich schlug vor, dass wir die Filme dann bei uns anschauen. Denn gerade der Herr der Ringe sollte auf Kinoleinwand gesehen werden. Es wurde also geplant ... und geplant ... und geplant ... Aber es war einfach nicht möglich, zwei Tage hintereinander zu finden, an denen alle Junioren Zeit hatten. Wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, mit dieser Gruppe Rollenspieltermine zu vereinbaren, hätte man das schon erwarten können.
  Nach anderthalb Jahren verließ Linda und mich also die Geduld, weil wir selbst gerne mal die Filme sehen wollten und nichts darauf hindeutete, dass es in den nächsten anderthalb Jahren besser werden würde. Wir beschlossen also, im Oktober das HdR-Wochenende durchzuziehen – komme, wer wolle!
  Und am letzten Wochenende des Monats hat es also auch geklappt. Natürlich konnten wieder nicht alle Junioren, und einige nur an einem der beiden Tage. Sechs Leute können bei uns im Wohnzimmer recht bequem gucken, acht wäre in etwa die Höchstgrenze, und die würde man wohl erreichen, wenn alle Junioren zusammenkommen. Wenn man also mit den Junioren einen großen Filmabend plant, kann man eigentlich niemanden sonst dazu einladen – schade, wenn dann kurzfristig Lücken entstehen, die man bei besserer Planung noch hätte nutzen können.


Trotzdem, zu Spitzenzeiten waren sechs Leute da. Fürs richtige Hobbit-Ambiente waren reichlich Speisen verfügbar, einschließlich einer Himbeertorte am Sonntag. Und die Filme waren wieder mal großartig.
  Es war das erste Mal, dass ich alle Extended Editions unmittelbar hintereinander gesehen habe. Und ich war überrascht, wie gut ich es vertragen habe – keine Müdigkeit, kein wehes Sitzfleisch ... Eigentlich hätte ich direkt mit der Animated-Reihe weitermachen können ...
  Nein, aber im Ernst: Wenn man die Filme zum wiederholten Male sieht, ändert sich das Erleben. Man wird nicht mehr so erschlagen und mitgerissen. Man weiß, was auf einen zukommt, und man wartet förmlich auf gewisse Bilder. Dafür aber schaut man mehr auf die Details und wird umso stärker in die Filme reingezogen. Und, in gewisser Hinsicht sieht man auch manches milder: Im Kino hat mir der erste Teil noch am besten gefallen, und in der ExEd war er großartig; der zweite Teil fiel demgegenüber stark ab, der dritte drehte noch mal auf – aber wenn man weiß, was einen erwartet, rücken die Teile tatsächlich wieder näher aneinander. Denn vieles hängt auch von der Erwartenshaltung ab, was das HdR-Wochenende insgesamt zu einem homogeneren Erleben werden ließ als die Filme in Einzelwertung.
  Und am Ende fiel es ein wenig schwer, sich daraus zu lösen. Die Stimmung und die Musik wirkten nach; und ich fühlte mich irgendwie an jene Wochenenden meiner Kindheit erinnert, wo ich die drei Bücher von Freitag bis Sonntag in einem Rutsch durchzulesen pflegte.


Alles in allem muss ich also sagen, dass so ein Herr-der-Ringe-Wochenende auch eine anderthalbjährige Wartezeit lohnt. Und dass ein nachfolgender Halloween-Abend gut geeignet ist, um wieder aus der Anderswelt Mittelerde herauszufinden. Gut geeignet? Geradezu nötig!

Freitag, 27. Oktober 2006

Da fasst man sich doch an den Totenkopf ...

Heute möchte ich mal zwei kleine Geschichten erzählen: Es muss im Jahr 1984 oder '85 gewesen sein, ich war wohl so etwa 16 und saß mit ein paar Freunden zusammen. Einer erzählte, dass er einen Totenschädel gefunden und jetzt auf dem Schreibtisch stehen hätte. Das war in dem Alter cool, und man unterhielt sich weiterhin, wo man so was finden oder kaufen kann, ob ein entsprechendes Angebot wohl echt sei etc. pp.
  Einige Jahre später war ich selbst bei der Bundeswehr, und ein paar Spinner redeten darüber, dass sie mal nachts auf einem nahe gelegenen Friedhof ein paar Gebeine ausgraben wollten. Das fanden sie cool, aber ich bezweifle, dass sie es jemals getan haben – jedenfalls wusste die örtliche Presse nichts dergleichen zu vermelden.
  Im letzten Fall wurde sicher eine Grenze überschritten, aber die Bandbreite zwischen Geschichte 1 und 2 zeigt doch deutlich: Was derzeit in der Presse als »Bundeswehrskandal« aufgebauscht wird, spiegelt schlichtweg die gesellschaftliche Realität wieder.


Wer meine ausführliche und sachlich ausgewogene Meinung zu dem Thema lesen mag, der klicke einfach hier weiter.


Wer es lieber kurz, knackig und emotional haben will ... nun, da habe ich das Treffendste leider schon als Kommentar bei den Shortnews von Stern gelesen und könnte es selbst auch nicht provokanter auf den Punkt bringen: »Wieso haben die nicht einfach kleine Kinder mit Streubomben bombardiert, wie es anständige Nationen machen? So 'nen Totenkopf hochheben ist schon arg übel.«
  Irgendwie hatte ich beim Lesen dieser Zeilen das Gefühl, dass sie die Bedeutung dieses »Bundeswehrskandals« sehr genau ausdrücken; und auch die Diskrepanz zwischen der politischen Empörung in diesem Zusammenhang und der Realität in der Welt dort draußen. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass alle Politiker, Generäle, Journalisten etc., die jetzt laut über diese Totenschändung lamentieren, sich maßstabsgerecht und ebenso kompromisslos äußern, wenn demnächst mal wieder irgendwo Totenschädel produziert werden.

Montag, 23. Oktober 2006

Der spielsüchtige Staat

Im Zuge des großen Lotto-Jackpots feierte der Sozialneid ja mal wieder fröhliche Urständ ... Und, ja, ich weiß: Dieser Jackpot ist nicht mehr die neueste News, aber ich liege im Blog halt ein wenig zurück ;-)
  Sei's drum: Ich fand es schon bemerkenswert, wie sich der blinde und negative Aktionismus in den Zeitungen breit machte. Da kamen die Schreiberlinge zu Wort, die einen Gewinn dieser Größe für unmoralisch hielten, weil solche Jahreseinkommen nur Managern vorbehalten bleiben sollten, die erfolgreich Arbeitsplätze abgebaut und dementsprechend etwas für ihr Geld geleistet haben. Und in der Politik kam gleich das Thema auf, solche Gewinnhöhen in Zukunft zu beschränken.
  Hat das etwa damit zu tun, dass weder Journalisten noch Politiker den Jackpot geknackt haben, was natürlich schwer zu verknusen ist? Aber nein, der laut genannte Grund war natürlich in beiden Fällen der Kampf gegen die Spielsucht. Es ist ja immer ein wichtiges Anliegen derer, die sich dazu berufen fühlen, Wähler respektive Leser vor der eigenen Dummheit zu schützen.
  Dabei ist die Heuchelei und Unglaubwürdigkeit dieser Ausrede selten so leicht zu durchschauen wie in diesem Fall. Denn eine Sucht erfordert per definitionem eine gewisse Kontinuität: Lässt man sich einmal durch besondere Umstände zu etwas verlocken, liegt keine Sucht vor. Eine solche hat man erst dann, wenn man zwanghaft ein Verhalten immer wieder ausüben muss, und weder äußere Umstände noch eigenes Wollen das noch zu beeinflussen vermögen.
  Vor diesem Hintergrund ist ein so hoher Jackpot dem Suchtverhalten sogar eher entgegengesetzt: Zwar mag sich der eine oder andere zum Spielen verleiten lassen, doch gerade die Fallhöhe nach der zwangsläufig erfolgenden Auszahlung verhindert, dass sich eine Routine entwickeln kann. Insofern könnte man also zu dem Schluss gelangen, dass genau das verhindert werden soll: dass allzu viele ernüchterte Spieler nach dem Jackpot die mickrigen Sümmchen nicht mehr zu würdigen wissen, die es zu gewinnen gibt, und der Lotterie somit »Spielsüchtige« und Einnahmen verloren gehen.


Aber dieser Schluss ist natürlich nicht nur zynisch und boshaft, sondern auch zu kurz gedacht. Im Hintergrund dieser Diskussionen, vor allem aufseiten der Politik, steht nämlich immer noch das kürzliche Urteil des Verfassungsgerichtes. Darin wurde festgehalten, dass ein Glücksspielmonopol des Staates zwar rechtmäßig ist, aber nur dann, wenn der Aspekt der Spielsuchtbekämpfung auch glaubwürdig verfolgt wird.
  Und darum geht es: nicht um Zusammenhänge, sondern um öffentlich vorzeigbares Handeln, sprich: Aktionismus. So ein Jackpot hat Öffentlichkeitsinteresse, und daher ist die Verlockung natürlich groß, sich dort hinzustellen, wenn man gesehen werden will. Zeitungen können mit ein wenig Betroffenheits-BlaBla Emotionen schüren und ein paar Blätter mehr verkaufen; ob an wirklich betroffene oder darüber empörte Leser interessiert auch niemandem. Und die Politik kann hier ganz unauffällig in die Öffentlichkeit tragen: Guckt mal, wir tun was *wink wink ans BVG*.
  Und wenn man zeigen kann, dass man die Spielsucht bekämpft, ohne wirklich einen der regelmäßigen Spieler abzuschrecken, ist das natürlich umso besser.


Für mich ergibt sich damit allerdings, dass gerade dieser Mechanismus einen der besten Gründe gegen das staatliche Wettmonopol aufzeigt: Denn wenn eine Regelung so offensichtlich Heuchelei und Unehrlichkeit fördert, ist er ein schädlicher Faktor für das politische Klima. Wenn man also dieses Monopol nur erhalten kann, indem man Showmaßnahmen inszeniert und die Leute für dumm verkauft, dann ist es besser für Deutschland, darauf zu verzichten. Das politische Ethos liegt ohnehin schon am Boden – da kann man eigentlich keine Regelung gebrauchen, die Geld dafür verspricht, dass man auf diesem Ethos noch etwas mehr herumtrampelt.
  Wenn der Staat um diesen Preis am Glücksspielmonopol festhält, verhält er sich selbst wie ein Süchtiger, der vom Glücksspiel einfach nicht lassen kann, nur auf den verheißenen Gewinn schaut und dabei die eigene Integrität aus dem Auge verliert. In diesem Sinne: Es wird Zeit, dass der Staat etwas gegen seine Spielsucht unternimmt!

Samstag, 14. Oktober 2006

Klisti, das kleine Klistier

Eine besonders nervige Frage wird besonders oft an Autoren herangetragen: "Wie kommst du eigentlich zu deinen Ideen?" Nervig ist die Frage deswegen, weil man eigentlich nichts rechtes darauf zu antworten weiß. Und natürlich, weil sie immer wieder gestellt wird ;-).
  Wenn man also doch mal was dazu sagen kann, sollte man es vermutlich tun - ehe man wieder vergisst, wo Ideen eigentlich herkommen. Und gestern hatte ich tatsächlich eine Idee, bei der ich noch ganz genau weiß, wie sie zustande kam. Also, wer wissen will, wie Ideen so entstehen, der kann sich hier schlaumachen. Was auch immer dem Leser das bringen mag, denn hier geht es nur um die Geschichte ...


<... von einem Helden, den man sich echt in den Arsch stecken kann>

Freitag, 29. September 2006

Biochips gibt's nicht nur in der SF

Auch ich gehöre zu den Leuten, die unter dem Chinarestaurant-Syndrom leiden – und das Schlimme: Bisher wusste ich das gar nicht!
  Vielleicht gibt es unter den Lesern noch weitere ahnungslose Opfer, daher werde ich mal kurz die Symptome schildern: Nach dem Besuch im Chinarestaurant habe ich regelmäßig ein Prickeln im Gesicht gespürt, teilweise auch in den Händen. Eine Mischung zwischen Taubheit, Kribbeln und einem Gefühl allgemeiner Unruhe, vergleichbar mit dem Genuss von allzu viel starkem Kaffee (nur dass mir nach dem Genuss von allzu viel starkem Kaffee eher übel wird, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden).
  Nun neige ich bekannterweise zu Allergien gegen alles und jeden, auch an Kreuzallergien gegen diverse weit verbreitete Grundnahrungsmittel wie Getreide und Obst und Gemüse. Da ist es ja nicht unwahrscheinlich, dass auch in der Chinakost das ein oder andere davon zu finden ist. Da es Kreuzallergien sind und keine »echten« Nahrungsmittelallergien, wirken sie sich bei gekochten Nahrungsmitteln in der Regel nicht aus – trotzdem habe ich mir bei den Symptomen nie etwas anderes gedacht, als dass einfach ein paar Allergene durchgeschlüpft sind und mich ein wenig in Mitleidenschaft ziehen.
  Also habe ich einfach vor einem Besuch beim Chinesen noch eine Allergietablette eingeworfen, und das führte in der Regel tatsächlich dazu, dass die Symptome nur in einer abgemilderten Form zu spüren waren.


Sehr überrascht hat es mich dann allerdings, als ich bei meinem letzten Besuch in Bayern in einer Zeitschrift gelesen habe, dass ich keinesfalls das einzige Opfer dieser rätselhaften Symptome bin. Vielmehr ist es ein recht weitverbreitetes Syndrom mit zwar möglicherweise allergischem Hintergrund, das aber nichts mit meiner speziellen Allergie zu tun hat. Als Auslöser werden in erster Linie die gerade in chinesischem Essen reichlich vorhandenen Geschmacksverstärker vermutet.
  Nun bin ich nicht gerade leicht für die üblichen Lebensmittel-Panikmachen irgendwelcher »Ökos« zu erreichen, aber wenn die Evidenzen derart eindeutig sind, ziehe ich doch Konsequenzen. Geschmacksverstärker mögen schädlich sein oder auch nicht (immerhin sollte man nicht vergessen, dass sie auch in natürlicher Nahrung vorkommen und der Organismus grundsätzlich durchaus in der Lage sein sollte, damit umzugehen) – aber ich habe selbst handfest erfahren, dass sie zumindest in Überdosierung eine ebenso spürbare wie unerwünschte Wirkung auf meinen Körper haben und nicht einfach folgenlos durchgehen.
  Grund genug, diese Überdosierung zu reduzieren und sie zumindest dort gezielt zu vermeiden, wo man ohne spürbaren Verlust an Lebensqualität darauf verzichten kann.


Nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub habe ich dann auch abrupt meine Ernährungsgewohnheiten dementsprechend umgestellt und angefangen, auf die »E62...« im Essen zu achten. Nicht so weit, dass ich jetzt krampfhaft auf alle Geschmacksverstärker verzichten will – denn, wie gesagt, da die entsprechenden Stoffe auch in natürlichen Lebensmitteln vorkommen, können sie kaum per se schädlich sein. Ich wollte nur die Überdosierung beenden, indem ich gezielt gleichwertige Alternativen ohne Geschmacksverstärker suche.
  Aber das erwies sich als gar nicht mal so einfach. Bisher war unsere Küche sehr von »Convenience« geprägt. Das betraf gar nicht mal regelrechte »Fertigmenüs«, aber doch sehr stark industriell gefertigte Würzmischungen (wie beispielsweise das sehr wohlschmeckende »Paprika-Sahne-Hähnchen« von Maggi ... aber auch das schweift jetzt vom Thema ab). Und zu meinem Ärger musste ich feststellen, dass gerade diese praktischen und altgewohnten Helfer für die schnelle Küche ohne Geschmacksverstärker nicht zu finden waren.
  Nachdem also unsere Speisenauswahl so plötzlich reduziert worden war, und vieles von dem, was noch blieb, beim Essen ein schlechtes Gewissen verursachte, führte mich mein Weg tatsächlich mal in den Bioladen am hiesigen Bahnhof. Es war, wie ich gestehen muss, nicht der erste Besuch – aber während ich sonst nur gezielt einzelne Produkte wie Traubenkernöl dort gekauft hatte, unterzog ich nun zum ersten mal das Gesamtprogramm einer näheren Inspektion. Und ich war angenehm überrascht, was ich dort alles fand ...
  Die Zeiten, wo Bioläden nur Körnermischungen für Ökos anboten, sind anscheinend tatsächlich vorbei. Und man findet sogar einen erstaunlich hohen Anteil an »Convenience«-Mischungen dort – und zwar allesamt frei von Geschmackverstärkern. Ganz nebenbei fand ich auch noch ein paar Dinge, die ich schon lange gesucht habe und einfach praktisch für meine Lebensführung finde, obwohl mich der »Bio«-Gedanke dabei kaum interessiert – beispielsweise tiefgefrorenen Mais in einzelnen Körnern (praktisch portionierbar) und einzeln zu kaufende Eier (zwar recht teuer, aber bei unserem Eierverbrauch merke ich es ehrlich gesagt kaum, wenn das einzelne Ei doppelt so viel kostet wie im Supermarkt; aber ich merke es recht deutlich, wenn das letzte Ei aus dem üblichen »Sixpack« beim Verzehr schon zwei Monate alt ist).
  Vollends überzeugt war ich dann, als ich im Bioladen sogar die ebenso beliebten wie ungesunden Kartoffelchips fand – ebenfalls frei von Geschmacksverstärkern. Die ersten dieser »Biochips« schmeckten irgendwie ... anders. Aber nach drei Bissen hatten die Geschmacksnerven plötzlich umgeschaltet, und ich stellte fest, dass es im Grunde die besten Kartoffelchips sind, die ich kenne. Und zwei Vorurteile über Geschmacksverstärker fand ich dabei widerlegt: Erstens fand ich diese Chips extrem geschmacksintensiv – und zweitens konnte ich auch ohne Geschmacksverstärker kaum aufhören, davon zu essen.
  Na ja, inzwischen hat sich das Verhältnis etwas normalisiert, und ich habe auch das Gefühl, der Geschmack unter Verzicht auf künstliche Zusatzstoffe ist bei diesen »Biochips« durch einen recht hohen Salzgehalt erkauft. Außerdem scheinen die Zutaten tatsächlich natürlicher zu sein, denn meine Allergien (beispielsweise gegen Kartoffeln) regen sich nach dem Genuss stärker als bei konventionellen Chips). Aber irgendwas ist ja immer.
  Jedenfalls bin ich jetzt wohl tatsächlich zum regelmäßigen Kunden im Bioladen geworden (wie ich peinlich berührt eingestehen muss). In Verbindung mit einer Ausmistung meines üblichen Warenspektrums bei gleichzeitiger Erhöhung auch des Anteils an Bioartikeln vom Discounter habe ich es geschafft, Geschmacksverstärker ebenso wie Essen aus der Dose extrem zu reduzieren. Unsere Standardmahlzeiten sind jetzt so ziemlich frei von beidem – und zwar ohne dass wir unsere Kochgewohnheiten und geschmacklichen Vorlieben nennenswert ändern mussten.


Und den gelegentlichen Besuch beim Chinesen werde ich mir auch nicht nehmen lassen ;-)

Donnerstag, 21. September 2006

Rettet die heimischen Eishörnchen

Man hört ja so viel vom Klimawandel und seinen Folgen. So werden beispielsweise bei uns Tierarten heimisch, die wir bisher nicht kannten: In diesem Sommer war viel vom so genannten "Dornfinger" die Rede, der seine sonnigen Almen verlässt und sich im Tiefland ausbreitet. Und die gefürchteten amerikanischen Rieseneichhörnchen, die angeblich ja unsere kleinen, rotbraunen Exemplare verdrängen, habe ich selbst schon vor unserem Haus beobachten können.
  Erst gestern konnte ich in der Zeitung lesen, dass der Klimawandel auch ganz neue Arten entstehen lässt. Wusste ich natürlich längst. Auch hier war die Wirklichkeit mal wieder schneller als die Wissenschaft, denn die neuen Arten sind schon da - genau genommen haben mich einige derartige Exemplare jüngst beim "Plus" überfallen.


Da ging ich also friedlich in meinem nahe gelegenen Verbrauchermarkt zwischen den Tiefkühltruhen einher, als sie plötzlich auf mich eindrangen: Die hoch aggressiven Riesen-Eishörner, die sich seit etwa letztem Jahr dort angesiedelt haben. In unregelmäßigen Intervallen wächst sich die Population dort zu einer wahren Eishorn-Plage aus, und letztens war es mal wieder so weit.
  Ich war von riesigen Scharen Rieseneishörner umlagert. "Nimm uns mit", kreischten sie und traktierten mich mit ihren unterschiedlichen Geschmacksrichtungen - Schoko, Tiramisu, Erdbeer oder Waldfrucht. Was sollte ich also machen? Die Eistruhe im Laden war der Bevölkerungsexplosion nicht mehr gewachsen, und so musste ich schließlich so viele von den Eishörnern wie möglich in meinen Wagen laden.
  Jetzt sitzen sie also in meinem kleinen, aber heimeligen Gefrierschrank in der Küche und haben die winzigen heimischen Eishörnchen dort schon gänzlich verdrängt. Aber ich hatte dabei natürlich einen Plan und tue was für den Naturschutz: Während der Masse der Eishörner im Plus kaum beizukommen ist, sind sie in meinen kleinen Gefrierfächern isoliert und hilflos. So schaffe ich Schritt für Schritt wieder Platz und habe mir bei den Rieseneishörnern jene Lösung zu eigen gemacht, die ein englischer Lord schon für die amerikanischen Eichhörnchen vorgeschlagen hat ...
  Und ich vermute mal, bald ist der Lebensraum wieder frei für die kleinen heimischen Hörnchen. Zumindest, wenn bis dahin keine neuen Rieseneishörner migriert sind.

Donnerstag, 7. September 2006

Auf dem Räubermarkt

Vor kurzem ist es den Schlechtmenschen wieder mal gelungen, in meiner Tageszeitung einen Tendenzartikel zu platzieren. "Mehr Eigenverantwortung und Markt" wurde darin empfohlen, als Lösung für die Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung. Nun ist Eigenverantwortung ja grundsätzlich wünschenswert, und marktwirtschaftliche Elemente können im Gesundheitswesen überbordenden Kosten für Bürokratie und Monopolismus entgegenwirken.
  Ein Allheilmittel allerdings sind sie nicht. Es lässt sich recht einfach zeigen, dass "Markt und Eigenverantwortung" ihre Grenzen haben und staatliche Regelung in gewissen Situationen sinnvoll ist. Als plastisches Beispiel stelle ich mir nun mal den Straßenräuber vor, der mit der Pistole dem Opfer auflauert und "Geld oder Leben" fordert.
  Wann werden die Schlechtmenschen auch hier die staatliche Regulierung des Marktes für Straßenräuberei beklagen? Wann werden sie fordern, das Geld für die Rechtspflege zu sparen und auf die Eigenverantwortung der Opfer setzen? "Markt" würde dann bedeuten, dass Täter und Opfer frei aushandeln dürfen, was denn das Leben des Überfallenen wert ist. Und auch die Eigenverantwortung hält viele Lösungen bereit: Das Opfer kann selbst eine Waffe mitnehmen, oder es bleibt gleich ganz zu Hause. So gestaltet sich also eine freie Gesellschaft ganz nach Markt und Eigenverantwortung.
  Aber keine Sorge, das absolute Primat von "Markt und Eigenverantwortung" führt keinesfalls automatisch zurück in die Steinzeit. Es hält auch zivilisierte Ansätze bereit: Schutzgelderpressungen - die neoliberale Kriminalitätsgestaltung par excellence, in freier Wettbewerbsgestaltung zwischen Täter und Opfer.


Wer das als Ideal nicht teilen kann, der muss akzeptieren, dass es für "Markt und Eigenverantwortung" Grenzen geben muss - nämlich immer dann, wenn ein Ungleichheitsverhältnis der Vertragspartner eine wirkliche freie Absprache verhindert; oder wenn ein wild wuchernder Markt nur den Interessen einzelner dienen würde und nicht mehr der Gemeinschaft als solcher.
  Im Gesundheitswesen ist meiner Einschätzung nach beides der Fall. Wenn der Kranke zum Arzt geht, befindet er sich in einer Ausnahmesituation. Es ist den Anbietern im Gesundheitswesen ein leichtes, mit Angst und Druck zu operieren, während der Patient den Fachleuten weitestgehend ausgeliefert ist. Natürlich kann der Kranke sich kundig machen und als gut informierter Kunde auftreten - aber es ist immer noch sein Leben, mit dem er für Fehler einsteht und das er im Zweifel als Laie gegen die Fachleute in die Waagschale werfen muss, wenn er selbst die Entscheidung treffen will, was zu welchem Preis medizinisch notwendig ist.
  Es sollte also niemand daherkommen und mir erzählen, dass "Markt und Eigenverantwortung" auch das Gesundheitswesen regulieren können, nur weil das bei Fernsehgeräten schon so gut funktioniert. Denn bei Fernsehgeräten kann der Verkäufer zwar behaupten, dass ich tot umfalle, wenn ich den neuen Fernseher nicht kaufe - aber nur im Gesundheitswesen verwischen in solchen existenziellen Fragen die Grenzen zwischen "Werbung" und "Beratung". Damit befindet sich der Patient in einer subjektiven "Geld oder Leben"-Situation und hat deshalb auch das Recht darauf, vor einem freien Wechselspiel von "Markt und Eigenverantwortung" ebenso gut geschützt zu werden wie in obigem Straßenräuber-Beispiel.
  Nun ja, Markt und Eigenverantwortung in kontrolliertem Umfang können das System aufbessern. In welchem Umfang, darüber lässt sich diskutieren. Auf keinen Fall aber sollte man sich von den Schlechtmenschen einreden lassen, dass die Marktsituation im Gesundheitswesen mit anderen Geschäftsbereichen selbstverständlich vergleichbar sei. Und dass "Markt und Eigenverantwortung" ein nicht hinterfragbares Primat vor externer Lenkung und Kontrolle zukäme.


Wer nun immer noch an die neoliberale Mär vom "gleichberechtigten Patienten" glauben will, der sollte sich nur mal anschauen, wie die Diskussion um "Markt und Eigenverantwortung" im Gesundheitswesen geführt wird - nämlich genau so einseitig, wie es der Ungleichheit zwischen Kunde und Anbieter in diesem Markt auch entspricht. Denn von "Eigenverantwortung" ist immer nur dann die Rede, wenn der Patient bezahlt. Eigenverantwortliche Gestaltung einer Therapie wird hingegen gar nicht gerne gesehen.
  Angeblich soll der Patient selbst entscheiden können, ob er ein Präparat braucht, dass der Arzt ihm verschreiben will - andererseits soll er aber nicht in eigener Verantwortung ein "verschreibungspflichtiges" Präparat erwerben dürfen, wenn er glaubt, dass er es braucht. Das Primat des Arztes wird in der Diskussion um die "Eigenverantwortung" niemals angetastet. Wie aber kann man von einem gleichberechtigten Markt reden, wenn man den Kunden auf die Wahl beschränken will: "Tue, was der Arzt dir sagt - oder lass es bleiben"?
  Wenn man den Patienten für kompetent genug hält, dem Arzt gleichberechtigt gegenüberzutreten, dann muss man ihm auch sämtliche Behandlungsoptionen freistellen - notfalls auch die Entscheidung, ob er überhaupt den Arzt als Dienstleister hinzuziehen möchte. Wenn man ihm allerdings (wofür es durchaus gute Gründe gibt) diese Kompetenz nicht zubilligt, dann sollte man auch mit der Augenwischerei einer "gleichberechtigten Marktsituation" aufhören und eingestehen: Die Forderungen, die sich daraus ergeben, sind grob unbillig - und eine tatsächliche freie Marktsituation ist überhaupt nicht gewollt.
  Denn das Ungleichgewicht in der Diskussion zeigt deutlich, worum es eigentlich geht: nicht um "Markt und Eigenverantwortung", sondern um die Ausweitung der Pfründe für die stärkeren Marktteilnehmer durch weitere Inidividualisierung und Zersplitterung der "Melkkuh Patient".