Montag, 21. April 2008

Feuer und Wasser

Sonntagmorgen gab es hier in der Parallelstraße den größten Brand in der Geschichte unserer örtlichen Feuerwehr, mit insgesamt 300 Einsatzkräften aus Leichlingen und Umgebung. Die Lagerhalle einer Kartonfabrik brannte nieder, die Flammen müssen beeindruckend gewesen sein ... Und ich war nicht da. Nun ja, wenn ich an Rauchbelastung etc. denke, war das vielleicht auch besser so.
  Da der Wasserdruck zum Löschen nicht ausreichte, wurde die halbe Innenstadt gesperrt und Schläuche bis zur Wupper gelegt, um das Wasser direkt aus dem Fluss zu pumpen. Als ich am Abend eintraf, sah ich 500 Meter von der Brandstelle entfernt einen Haufen Feuerwehrleute, die ihre Ausrüstung eingepackt haben. Da aber weit und breit kein Einsatzort zu sehen war, dachte ich mir, es wäre eine Übung gewesen. Tatsächlich hat die Feuerwehr an diesem Wochenende 125-jähriges Bestehen gefeiert, wenn auch wohl ein wenig anders als geplant.
  Was tatsächlich passiert ist, habe ich dann erst zuhause erfahren. Und gesehen habe ich von dem Brand auch nur das, was jeder andere unter "Leichlingen" und "Brand" im Internet finden kann.


Allerdings war ich gerade rechtzeitig daheim, um die nächste Episode des Dramas mitzuerleben. Am späteren Abend nämlich fuhr ein Lautsprecherwagen herum und warnte davor, das Leitungswasser zu verwenden. Nur noch als "Brauchwasser" sollte es ... nun, eben "gebraucht" werden. Als "Brauchwasser" kenne ich das, was so in Zügen verwendet wird: Man kann sich damit waschen, aber es wird nicht zum Verzehr empfohlen.
  Allerdings war es diesmal noch ein wenig schlimmer. Um 2 Uhr nachts kam nämlich noch ein Feuerwehrmann herum, der Handzettel verteilte und jeden wissen ließ, dass man das Wasser eigentlich nur noch für die Toilettenspülung verwenden soll - auch vom Händewaschen oder Duschen wurde abgeraten. Angeblich war durch einen undichten Löschmittelbehälter die Löschschaum-Chemikalie in die Wasserleitungen geraten.
  Nun, das machte die Sache ein wenig kompliziert. Vor allem um 2 Uhr nachts. Fürs abendliche Waschen und Zähneputzen ließ sich Wasser um diese Zeit nur schwer auftreiben, und auch am nächsten Tag war es noch etwas lästig, aus den Trinkwasserflaschen vom Supermarkt zu leben.
  Heute Abend gab es dann jedenfalls Entwarnung - ob jemals wirklich eine nennenswerte Menge im Trinkwasser war, oder der Alarm nur vorsorglich so angesetzt wurde, weiß ich bis jetzt nicht. Zu sehen oder zu riechen war am Wasser jedenfalls nie etwas gewesen ... Und ich hoffe jetzt mal, dass, was immer da war, jetzt nicht in den Filtern der Hauswasseranlage hängt und uns irgendwann später serviert wird.

Mittwoch, 16. April 2008

Das Urheberrecht als Ausdruck eines gesellschaftlichen Autismus

Vor einiger Zeit lief eine interessante Dokumentation im Fernsehen, wo eine Betroffene folgenden bemerkenswerten Satz prägte: Es waren nicht die geselligen Typen am Lagerfeuer, die die erste Speerspitze erfunden haben, sondern der Autist, der einsam abseits saß.
  Ein guter Satz, den ich sogleich sehr sympathisch fand. Allerdings hatte diese Autistin ihre Erkenntnis nicht ganz zu Ende durchdacht. Denn was geschah mit der Speerspitze, nachdem der Autist sie erfunden hatte? Hat der Autist damit Jagd gemacht und wurde satt, reich und angesehen?
  Nein, natürlich nicht. Denn zur Jagd braucht man selbst mit der besten Speerspitze noch ein paar handfeste Kumpels, und das waren eben schon damals in der Steinzeit die geselligen Typen am Lagerfeuer, die lieber die Speerspitze mitgenommen haben als den Autisten. Und so haben schließlich die »Normalos« die Erfindung des bedauernswerten Autisten benutzt. Natürlich ohne Lizenzgebühren zu bezahlen, weshalb der autistische Erfinder letztendlich in Armut verstarb.
  So war es in der Steinzeit, und so blieb es lange danach.


Manch einer mag jetzt den Kopf schütteln und sagen: „Na und? Die paar Autisten können ja keine so große Rolle in der Menschheitsgeschichte gespielt haben.“ Nun, der Betreffende hat womöglich zu viel „Rainman“ geschaut und ein etwas eingeschränktes Bild vom breiten Spektrum „autistischer Störungen“. Denn dieses Problem betrifft nicht nur eine schwerbehinderte Minderheit, sondern zieht sich graduell in unterschiedlichen Ausprägungen durch die gesamte Gesellschaft, sprich: Es gibt viel mehr „Autisten“, als mancher glaubt.
  Neben den Menschen, die gemeinhin als Autisten bezeichnet werden und unter einer ebenso schweren wie unübersehbaren Störung leiden, gibt es einen größeren Personenkreis, der in leichterer Form an Teilaspekten dieser „Störung“ leidet. Erst die moderne Neurologie mit ihrer Möglichkeit, Gehirnaktivitäten zu messen, konnte feststellen, dass die damit verbundenen Verhaltensweisen tatsächlich auf „autistische“ Verarbeitungsmuster im Gehirn zurückzuführen sind. Der Sachverhalt an sich war allerdings schon lange bekannt: Früher bezeichnete man es bloß nicht als „autistische Störung“, sondern hatte andere Bezeichnungen für so was - „Spleen“, „sonderbar“, im angelsächsischen Raum „Geek Syndrome“ ... oder hier in Deutschland auch den „zerstreuten Professor“.
  Und damit wären wir wieder bei den Autisten, die die Speerspitzen erfinden. Auch heute noch. Denn diese autistischen Störungen im Mittelfeld - noch nicht wirklich behindernd, aber auch nicht normal - führen dazu, dass sonst mit sozialen Belangen beschäftigte Hirnregionen zusätzliche Kapazitäten für andere Dinge zur Verfügung stellen; und zwar wirklich für „Dinge“, denn die Betroffenen beschäftigen sich naturgemäß lieber mit Sachen oder theoretischen Themen als mit Menschen, weil sie damit eben besser zurechtkommen.
  Und so stellen nicht etwa die wenigen „schweren“ Autisten, sondern vielmehr ein breites Heer „leichter“ Autisten regelmäßig die Personen, die in der Wissenschaft versinken und neue Entdeckungen machen, die tüfteln und werkeln und basteln und dabei großartige ... Dinge erschaffen, während die Masse der Normalos auch heute noch am Lagerfeuer sitzt und über Beziehungen, Statussymbole oder sonstigen undurchschaubaren Krams plaudert.


Das schien lange gut zu funktionieren: Diese „Autisten“ schaffen „Werke“, während die Normalos „Netzwerke“ erschaffen, in denen sie dann die von den Autisten geschaffenen Dinge ausnutzen. Aber natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die erfinderischen Autisten auch dafür das geeignete Werkzeug fanden. Und diese neue Speerspitze der erfinderischen Autisten ist das Urheberrecht - eine Waffe, um gezielt ihr (geistiges) Eigentum zu schützen!
  Nur leider ging es mit dieser Erfindung wie mit allem, was die Autisten bisher geschaffen haben: Die geselligen Normalos am Lagerfeuer drehten sich um, sagten: „Oh, das ist aber ein nützliches Ding.“ Rasch bildeten sie „Verwerter“-Netzwerke, die die Urheberrechts-Speerspitze viel besser einsetzen konnten als der autistische „Urheber“, und sorgten dafür, dass der Ertrag wiederum bei ihnen landete.
  Na ja, immerhin zahlen sie dafür wenigstens Lizenzgebühren, was ein deutlicher Fortschritt gegenüber den letzten Jahrtausenden ist.


Und, psst, nicht weitersagen: Diese neue Speerspitze der Autisten war vergiftet. Denn so dumm sind die ewigen Erfinder der Menschheit auch nicht: Ein rein gedankliches Konstrukt wie das Urheberrecht kann nur dann funktionieren, wenn die Gesellschaft selbst immer autistischer funktioniert, sprich: geregelter, dinglicher, funktionaler. Wenn es also "normal" wird, etwas als "Sache" anzusehen, was eigentlich gar keine Sache ist. Und so schaffen die Autisten es vielleicht wieder nicht, endlich mal den Löwenanteil an ihrer Entdeckung abzukriegen - aber zumindest sitzen sie nun am Lagerfeuer, und nicht mehr am Rand.

Sonntag, 13. April 2008

Länger und dicker ist besser

Wenn ich in mein Blog schaue, bin ich ein wenig entsetzt von den Lücken, die sich immer wieder mal unvermutet auftun und den Leser womöglich straucheln lassen. Ehe ich mich's versehe, ist wieder eine Woche vorbei, oder mehr, und der fest vorgenommene Blogeintrag überfällig.
  Das liegt natürlich an der Zeit: Wenn ich viel anderes um die Ohren habe, leidet das Blog. Und in letzter Zeit habe ich oft viel zu tun. Aber vermutlich wäre hier trotzdem mehr von mir zu lesen, wenn ich mich kürzer fassen könnte. Aber kürzer fassen ist meine Sache nicht, und weil ich deshalb auch meine Blogbeiträge nicht mal eben in fünf Minuten nebenbei verfassen kann, dauert es oft länger.


Kurz fassen ist auch sonst nicht mein Ding, und so habe ich auch bei meinem aktuellen Roman irgendwann die Notbremse ziehen müssen, als er das avisierte Seitenmaß zu überschreiten drohte. Grummelnd zog ich also die Zügel an, überlegte mir, wo ich kürzen kann ... Und erwähnte das zufällig bei einem Gespräch mit dem Lektor. Zu meiner Überraschung bekam ich zu hören: "Der Roman kann ruhig was länger werden. Dicker ist sogar noch besser!"
  Ja holla! So was hört man gern. Nur leider viel zu selten. Das letzte Mal, dass eine Lektorin mir ein vergleichbares Angebot machte, war bei der Übersetzung eines historischen Romans. Da gab es ein paar Probleme mit historischen Ungenauigkeiten im Original, und die Lektorin meinte daraufhin, ich dürfte ruhig alles anmerken, was mir an Fehlern auffällt, und was man nicht stillschweigend in der Übersetzung berichtigen kann, würde sie dann mit der Autorin klären.
  Ich seufzte glücklich und drückte mir eine Freudenträne aus dem Auge, denn so eine Gelegenheit hatte sich mir schon seit meinem Geschichtsstudium nicht mehr geboten. Das Ergebnis waren etwa 90 Fußnoten in der Übersetzung, und das Fazit der Lektorin: "Das war ja doch ziemlich viel."
  Das Problem bei solchen Freibriefen ist, dass sie meist nur im Übermut gewährt und selten wiederholt werden.


Auch bei meinem Roman war irgendwann die Grenze erreicht, bei der es hieß, ich solle jetzt die Seitenzahl doch lieber "halten". Noch dicker war anscheinend nicht noch besser. Na, schade, aber alles Gute muss mal ein Ende haben. Ich sehe also zu, dass ich auch nach dem Überarbeiten mit den gegenwärtigen ca. 650 Seiten auskomme. Genau genommen ist das gar nicht mehr so schwer, weil das jetzt so ziemlich genau die Länge ist, die das Buch auch haben will.
 Und mein Blog bleibt dann eben der letzte Bereich, wo ich ohne Mengenbeschränkung schreiben darf.

Mittwoch, 2. April 2008

Löffelei mit dem Löffel-Ei

Ein wenig spät, um jetzt noch mit einem Oster-Thema zu kommen. Aber das Blog hinkt eh etwas zurück, und so gibt es wenigstens ein Happy End zu der Geschichte. Doch dazu später mehr ...


Jedenfalls will ich heute von den Löffel-Eiern erzählen, die Milka seit einigen Jahren regelmäßig zu Ostern anbietet. Wer sie nicht kennt: Das sind Schoko-Eier, die mit einer Milchcreme gefüllt sind. Sie werden mit einem kleinen Plastiklöffel ausgeliefert, mit denen sich die Creme wie ein richtiges Ei auslöffeln lässt. Albern. Aber die Dinger sind saulecker! Seit ich sie entdeckt habe, gehören sie zu jedem Osterfest dazu.
  Am Anfang war die Welt somit in Ordnung. In jeder Packung mit vier Löffeleiern gab es zwei Sorten: Zwei Eier waren mit weißer Milchcreme gefüllt, die beiden anderen mit Schokocreme. Doch vor zwei Jahren begann der schleichende Niedergang des Produkts. Die Schokocreme fehlte.
  Als wir die erste Packung mit vier weiß gefüllten Eiern bekamen, glaubten wir noch an ein Versehen, einen Fehler bei der Befüllung. Doch die Schokocreme blieb verschwunden. Ein empfindlicher Verlust an Vielfalt beim Löffeln. Und dann, im letzten Jahr, der nächste Schock: Es gab ein hohles Ei in der Packung, eines ganz ohne Füllung, weder Milch- noch Schokocreme. Das war dann nicht nur ein Verlust an Vielfalt beim Löffeln, sondern zu löffeln gab's da gar nix mehr!
  Da glaubte ich noch an ein Versehen, einen Fehler bei der Befüllung, jedoch ... das konnte ich nicht mehr überprüfen. Denn das hohle Ei war in der letzten Packung des letzten Jahres, und in diesem Jahr setzte sich der Schwund bei dem Produkt so weit fort, dass es ganz verschwand. In ganz Leichlingen habe ich diese Ostern kein Löffelei gefunden.
  Wenigstens ein sanfter Abschied, könnte man sagen ... Trotzdem war ich so sauer, dass ich in diesem Jahr gar keine Ostersachen gekauft habe. So was halte ich immer für ein probates Mittel, um den Handel darauf hinzuweisen, dass er nicht das anbietet, was ich haben will.


Doch nun zum Happy End: Wir hatten uns also damit abgefunden, dass es keine Löffeleier mehr gibt. Und dass ich nie wieder Ostersüßigkeiten kaufen kann (Okay, ja - ich weiß: Ich bin etwas radikal in diesen Dingen). Aber zwei Tage nach Ostern kam eine Werbemail von einem Süßwarenversand. Und darin angeboten wurden - Löffeleier zum halben Preis; Restbestände von Ostern.
  Anscheinend also gab es sehr wohl noch Löffeleier. Nur eben nicht bei den üblichen Läden in meinem Heimatort. Und es wundert mich ehrlich gesagt auch nicht, dass sie Restbestände zum halben Preis verkaufen müssen, wenn die Firma zu Ostern "schwer zu kriegen" spielt.
  Und das war dann das Happy End der Geschichte: eine fette, nachträgliche Osterbestellung beim Versandhandel, die heute angekommen ist. Hmmm ...

Dienstag, 26. Februar 2008

Ein Bild von einem Autor

Wenn man irgendwo auf einem Con, bei einer Lesung oder bei anderer Gelegenheit einer Schriftstellerschar begegnet, dann ist es so, als würde man einen Schwarm Kolkraben aufscheuchen. Unwillkürlich fragt man sich dann, ob es wohl eine Uniformpflicht für Autoren gibt. Und in der Tat: "Autoren tragen Anthrazit." So stand es in einer Zeitungsüberschrift nach der Endrunde eines Literaturwettbewerbs, bei dem ich 1993 lesen durfte. Und diese Regel gilt anscheinend bis heute.
  Autoren tragen also schwarz. Warum das so ist, darüber mögen Soziologen rätseln. Ob es daran liegt, dass der "schwarze Rolli" intellektuell wirkt, oder dass die düstere Kluft dem Schreiber eine Aura des Geheimnisvollen verleiht? Oder vielleicht auch nur, weil sie den Träger schlanker wirken lässt. Wer weiß?
  Das Paradoxe daran ist nur: Ich bin vergleichsweise schlank. Ich schreibe düstere Geschichten und kriege trotz eifrigen Strebens nach Unterhaltung den intellektuellen Twist doch nicht ganz raus aus meinen Geschichten. Trotzdem bin ich inzwischen so ziemlich der einzige Autor, der vorzugsweise helle Kleidung trägt. Das war nicht immer so, ich gebe es zu: Bei meinem ersten öffentlichen Auftritt zählte ich auch noch zum Schwarzen Block. Inzwischen allerdings achte ich auf Kontraste, wenn ich mit anderen Kollegen zusammentreffe, weil es mir irgendwie peinlich ist, wie ein Klon auszusehen. Was ja auch leicht zu falschen Assoziationen in Bezug auf das Werk führen kann ...
  Oder - wer weiß? Vielleicht bin ich auch nur der einzige Autor, der es sich erlauben kann, seinen Bauch hinter einem weißen Hemd zu verstecken? ;-)


Jedenfalls fand dieses absurde Theater jüngst eine Fortsetzung, als ich Fotos für einen Verlagskatalog bereitstellen sollte. Ich blätterte also in einem solchen Katalog und stellte fest: Die meisten Schreiber, zumindest die männlichen Vertreter meiner Zunft, bemühen sich um eine gewisse Würde. Wenn ich also ein ernstes Foto neben meinem Buchtitel stehen habe - wird jeder Leser gleich weiterblättern, weil er solche Bilder überall findet.
  Zum Glück habe ich lang genug für Zeitschriften gearbeitet und weiß daher, dass so ein grafisches Element nur dann etwas bringt, wenn das Auge des Betrachters auch darauf hängen bleibt. Das Bild soll den blätternden Käufer ansprechen und einladen, bei meinem Buchtitel zu verweilen - es sollte also aus dem Einerlei hervorstechen, wie das Autorengespenst unter den Schreibfledermäusen.
  Gesagt, getan. Viele, viele Aufnahmen später konnte ich endlich ein paar Portraits abschicken, auf denen ich den Betrachter offen anlächle oder zumindest zum Gespräch einlade. Und meine Freundin ist begeistert, weil wir endlich ein paar Fotos von mir haben, auf denen ich freundlich dreinblicke. Eine Aufgabe, an der vorher 30 Jahre lang jeder Fotograf gescheitert ist. Denn etwas anderes als ein ernst und distanziert wirkendes Bild von mir zu kriegen, das hat bislang noch keiner geschafft. Aber was tut man nicht alles für die richtige Präsentation?


Am Ende fragt man sich allerdings schon: Ist das etwa das Wesen des Marketings? Dass nun jeder Partylöwe und gesellige Typ, wenn er denn als Schriftsteller posieren muss, sich mit einiger Verkrampfung Schwere und Ernsthaftigkeit abringt, während ich wiederum mich mit ebensolcher Mühe zur Lichtgestalt erhebe, nur um mich noch ein wenig abzuheben in einer Welt, wo jeder so auftritt, wie ich natürlicherweise bin?
  Aber, nein. Solche Gedanken führen in die Paranoia. Außerdem habe ich ja, verglichen mit all den anderen Autoren, noch den besseren Part erwischt. Denn wie man weiß, wirken Haltung und Kleidung auch aufs Gemüt. Das Lächeln macht mich also zu einem fröhlicheren Menschen, während die Behandlungskosten für Depressionen bei all den schwarz gewandeten Kollegen hängen bleiben.
  Womit die Werbung dann die Wirklichkeit vielleicht nicht abbildet, aber langfristig gesehen zumindest formt. Ist so? Ist so! Als ich bei letzter Gelegenheit in lichtem Beige auf düsteres Einerlei um mich her blickte, hoben sich unwillkürlich meine Mundwinkel, und ganz von selbst fanden Sein und Anschein zueinander. Wer zufällig Phantastikautor ist und es nicht glaubt, mag es gerne mal in der nächsten geselligen Runde ausprobieren.

Mittwoch, 13. Februar 2008

Nemesis

Am Freitag war meine Schwester zu Besuch. Sie hatte ein Vorstellungsgespräch in Düsseldorf, und dorthin gelangt man am besten mit der S-Bahn ab Leverkusen-Rheindorf. Und eben zu diesem Bahnhof brachte ich sie dann am Morgen.
  Den Weg kenne ich gut. Von 2001 bis 2003 habe ich für den Sybex-Verlag gearbeitet und bin die Strecke daher regelmäßig gefahren. Auch meine schlechten Erinnerungen an den Rheindorfer Bahnhof resultieren aus dieser Zeit. Von banger Erwartung erfüllt, stieg ich also mit meiner Schwester die Treppe zum Bahnsteig empor - und tatsächlich, da war sie auch schon: meine alte Nemesis. Der gefürchtete ... Fahrkartenautomat!
  Fairerweise muss ich sagen, dass es nicht wirklich meine alte Nemesis war, sondern ein neuer Automat, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Neu, aber nicht besser - denn so, wie der alte Automat vor Jahren schon in zwei Dritteln aller Fälle defekt war, so versagte auch der neue mir seine Dienste. Mit meinem Ärger hatte er wohl schon gerechnet, und sich einen Techniker als Verstärkung geholt. Der begrüßte mich, als ich auf den Automaten zuging, mit den Worten: "Tut mir Leid, Display ist defekt. Sie müssen sehen, ob Sie damit zurechtkommen, oder ..."
  Mit einem vielsagenden Achselzucken ging der Techniker davon und ließ mich mit dem Ungetüm allein. Ich schaute das Ding an, und fand das Display schwarz. Meine Schwester, die bessere Augen hat, erkannte allerdings verschwommene Umrisse und ansatzweise lesbare Schrift. Damit versuchten wird dann mehrere Minuten lang, doch zu einer Fahrkarte zu gelangen. Das hätte vielleicht funktioniert, wenn es gereicht hätte, nur ein Feld mit der Aufschrift "Düsseldorf Hbf" zu drücken. Tatsächlich aber führte jeder unsichere Tastendruck nur zu einem weiteren Untermenü mit weiteren Fragen - Alter, Größe, Augenfarbe, all das wollte der Automat erst mal wissen, um eine Fahrkarte drucken zu können. Nun ja, genau genommen konnte man nur erraten, was genau das Ding denn alles fragte.
  Zuletzt gaben wir auf und fuhren eine Haltestelle weiter nach Langenfeld. Wo wir dann einen funktionierenden Automaten und eine S-Bahn in letzter Sekunde erwischten.


Festzuhalten bleibt, dass die Bahn in den letzten fünf Jahren zwar den Automaten ausgetauscht hat, aber trotzdem keine funktionierende Kartenausgabe in Rheindorf installieren konnte. Dabei ist das Ärgernis schon uralt: Bereits vor fünf Jahren tat der Automat in den allermeisten Fällen gar nichts - und einmal schluckte er zwar mein Geld, gab aber keine Karte aus. Was doppelt ärgerlich war. Aber Probleme bekommt man ohnehin, weil man ja auch im Zug nicht mehr nachlösen kann - und mehr als die Hälfte aller Fahrten aus technischen Gründen ohne Fahrausweis antreten zu müssen, ist Stress pur. Zwar musste ich letztlich nie ein erhöhtes Entgelt bezahlen, aber teilweise minutenlanger Streit und Diskussionen mit dem Schaffner sind auch eine Zumutung für den zahlungswilligen Kunden.
  Im letzten halben Jahr hat meine Schwester übrigens in Belgien gearbeitet. Und schwärmte vom dortigen Nahverkehr, wo man ganz stressfrei seine Tickets beim Schaffner im Zug löst, und das auch noch zu für deutsche Verhältnisse ungekannt günstigen Preisen. Ja, ich muss sagen: Diese Berichte haben auch nicht dazu beigetragen, meine Stimmung zu heben. Und man fragt sich doch: Warum geht das hier nicht? So schwer kann das gar nicht sein. Und seine Kunden zu verärgern und ihnen jeden Kauf möglichst schwer zu machen, ist weder betriebswirtschaftlich nötig noch besonders sinnvoll.
  Aber anscheinend ist das die Art, wie sich ein ehemaliger Staatsbetrieb privatwirtschaftliches Arbeit vorstellt.

Freitag, 8. Februar 2008

Zum UNICEF-Skandal ...

... stand gestern folgende Schlagzeile in meiner Tageszeitung: "5000 Spender kehren Unicef den Rücken"
  Ich kann dazu nur sagen: Na endlich! Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Deutschen und zumal organisierte Spender so abgestumpft gegenüber Klüngel und Selbstbedienungsmentalität sind, dass sie inzwischen gar nichts mehr merken. Vermutlich dachte das auch der Unicef-Vorstand. Aber zum Glück haben die Großspender gezeigt, dass die Organisation das Geld anderer Leute nicht abonniert hat. Zum Glück. Ich würde dem "Verein" nach den jüngsten Vorfällen auch kein Geld mehr geben.
  Wer es nicht mitbekommen hat: Nach einem internen Streit wurde jüngst die frühere Unicef-Vorsitzende Heide Simonis zum Rücktritt gedrängt. Sie hatte zuvor Unregelmäßigkeiten der Geschäftsführung moniert, namentlich undurchsichtige Beraterverträge und eine sorglose Verwendung von Spendengeldern. Anstatt nun aus diesen Vorwürfen Konsequenzen zu ziehen und die Geschäftsführung zu disziplinieren, wurde stattdessen die Kritikerin aus dem Amt gedrängt. Ein untragbarer Vorgang für eine Organisation, die vom Geld anderer Leute lebt und nicht mal den Eindruck aufkommen lassen darf, dass sie Spendengelder verschwendet.
  Als Grundlage für die Sturheit der Unicef-Leitung diente der Bericht des Wirtschaftsprüfers KPMG, der die Geschäftsführung angeblich entlastet hätte. Das ist eine pikante Auslegung angesichts eines Berichts, der "Verstöße gegen Unterschriftenregeln, Vier-Augen-Prinzip und Schriftform von Verträgen" konstatiert. Klare Unregelmäßigkeiten hat der Bericht also schon aufgedeckt - es wurde nur festgestellt, dass sich dabei keine Rechtswidrigkeiten oder böse Absichten nachweisen lassen. Also, wenn ich jemals einen Freispruch zweiter Klasse gesehen habe, dann war es das Urteil der Wirtschaftsprüfer über die Arbeit bei Unicef.


Aber: Das reicht nicht. Nicht für eine Organisation wie Unicef. Wenn man einer humanitären Organisation etwas spendet, dann will man zumindest die absolute Gewissheit, dass mit Geld verantwortungsvoll umgegangen wird - der Nachweis schlampiger Arbeit bei nur möglicherweise besten Absichten reicht nicht aus!
  Dass eine Vorsitzende, die solche Zustände kritisiert hat, aus dem Amt gedrängt wurde, macht die Sache nur noch schlimmer, denn es bescheinigt den Verursachern dieser Mängel auch noch Abgehobenheit, Unbelehrbarkeit und fehlende Selbstkritik. Dabei ist es egal, was man dieser Vorsitzenden im Nachhinein noch unterstellen mag - nach so einem Skandal möchte ich für meinen Teil Fakten sehen, und keine Ausreden und Begründungen hören. Meiner Meinung nach kann nur ein Rücktritt der Geschäftsführung noch einen sauberen Neuanfang garantieren. Und danach kann man sich daran begeben, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen. Bis dahin jedenfalls ist es sinnvoll, kein weiteres Geld mehr zu spenden - sei es schon, um ein Zeichen zu setzen und keine schlechten Beispiele durchgehen zu lassen.
  Jeder Tag, den die alte Geschäftsführung noch im Amt bleibt, beschert Unicef nur weitere negative Schlagzeilen. Eine Führung, die um diesen Preis an ihren Sesseln klebt, verhält sich rufschädigend und verliert damit umso mehr die Berechtigung, ihr Amt auszuüben. Wer also der alten Vorsitzenden Frau Simonis diesen Vorwurf macht - wie es derzeit im Umfeld der Geschäftsführung geschieht - sollte daraus auch die Konsequenzen ziehen und feststellen, dass man sich damit auch selbst sein Urteil gesprochen hat.