Freitag, 9. Juni 2006

Evolution oder Schöpfung

Die christliche Schöpfungsgeschichte ist in letzter Zeit ja wieder kräftig im Gespräch. George W. Bush möchte sie am liebsten im Lehrplan der Schulen sehen, und zwar als gleichberechtigten Ansatz neben der Evolutionstheorie. Und das bringt die Naturwissenschaftler natürlich zum Kochen: Von wegen gleichberechtigter Ansatz - ein nettes Märchen ohne empirische Belege!
  Aber ist das wirklich so?


Eine angehende Autorin, die auf einem Forum regelmäßig Anekdoten über ihre Deutschlehrerin zum Besten gibt, machte mich nachdenklich. Wenn man ihre Geschichten hört, dann schüttelt man zwangsläufig den Kopf und denkt sich: »Nein, so eine Person kann es nicht geben!«
  Warum denkt man das? Ganz einfach: Weil man in der Schule die Evolutionstheorie verinnerlicht hat. Natürliche Auslese, »Survival of the fittest« ... Aber all diesen Theorien nach dürfte es eine Person wie besagte Deutschlehrerin einfach nicht geben!
  Wenn man hingegen an eine zielgerichtete und wohl ausgewogene Schöpfung glaubt, dann ergibt auch die Existenz einer solchen Deutschlehrerin einen Sinn: Man freut sich, von ihr zu hören, weil man sich selbst gleich viel besser und normaler findet. Es wirkt ganz so, als hätte ein Gott diese Person geschaffen, um seine Schöpfung abzurunden und sympathischer zu gestalten.


Also, kennen Sie nicht auch eine Person, die als lebender Gegenbeweis zur Evolutionstheorie herhalten kann? Die eigentlich im Verlauf einer Evolution hätte verschwinden müssen, die aber nichtsdestotrotz da ist und ihnen den Gedanken vermittelt: Mein Gott, was bin ich doch normal?
  Vermutlich kennen Sie so jemanden, und der Gedanke ist ganz richtig: Solche Menschen sind empirische Belege für die biblische Schöpfungsgeschichte und zugleich ein Gegenbeweis für die Evolutionstheorie. Und von diesen Beweisen gibt es nicht nur sehr viele, sondern sie sind auch noch deutlich greifbarer als die Belege für die Evolutionstheorie: Jeden Tag sieht man solche Personen auf der Straße, aber wie oft trifft man schon einen Dinosaurierknochen?


Also, die biblische Schöpfungsgeschichte kann sich durchaus auf empirische Belege stützen. Sie gehört daher dringend wieder als reguläres anerkanntes Unterichtsthema an die Schulen. Angesichts dieser Belege möchte ich sogar noch weiter gehen: Verbannt die Evolutionstheorie in den Religionsunterricht! Daran kann man nur glauben, wenn man zu viele Bücher liest – während man den Schöpfungsakt tagtäglich bestätigt findet, wenn man nur inmitten seiner Mitmenschen lebt.
  Und, nein, damit meine ich nicht Ihren Nachbarn, den es laut Evolutionstheorie auch nicht geben dürfte, der aber alles andere als einen Feel-Good-Faktor verbreitet, sondern Ihnen das Leben zur Hölle macht. Wie der in die Schöpfung gekommen ist, findet man allerdings auch in der Bibel erklärt ...

Montag, 5. Juni 2006

Können Sie das bitte genauer erklären?

Heute war bei uns Miracoli-Tag: Spaghetti Arrabiata stand auf dem Speiseplan. Als wir dann vor unseren Tellern saßen, wurde meine Freundin auf den Aufdruck der Parmesan-Packung aufmerksam: »Bitte hier aufreißen«.
  Da haben wir uns doch gefragt, was der Kunde wohl tun würde, wenn es auf der Packung keinen solchen Aufdruck gäbe ... Oder, anders gesagt: Ist es nicht völlig überflüssig, etwas so Banales extra anzugeben? Nein, welch ketzerischer Gedanke. Wenn ein Hersteller so was tut, hat er doch gewiss einen Grund dafür!
  Ich habe also sogleich spekuliert, was denn nun der Grund für eine solche »Gebrauchsanleitung« auf der Käsepackung sein könnte. Vermutlich gab es irgendwann mal einen Beschwerdebrief folgenden Inhalts: »Liebe Kraft-Fabrik, kürzlich habe ich eine Packung ihrer Miracoli-Nudeln erworben. Leider hatte sich um den geriebenen Käse eine Art Blase gebildet, so dass ich gar nicht drankam ...«
  So oder so ähnlich muss es wohl gewesen sein. Und damit es nicht wieder vorkommt, steht nun also auf dem Käse drauf: »Hier öffnen.« Kein Irrtum mehr möglich, keine weinenden Kinder mehr, die hilflos an der transparenten Käsepackung kratzen und nicht wissen ... Na ja, die Welt ist jedenfalls wieder ein Stück besser geworden.


Angeblich ist die Welt ja auch klüger geworden. Ich habe nun schon verschiedene mehr oder minder seriöse Berechnungen gelesen, denen zufolge die durchschnittliche Intelligenz der Menschen im Laufe der Jahrhunderte kontinuierlich angestiegen sein soll. Gewisse Eigenarten des modernen Lebens allerdings, wie ein solcher Aufdruck auf der Käsepackung, lassen mich mitunter daran zweifeln.
  Ich frage mich dann stets: Wie haben nur unsere so viel dümmeren Vorfahren überlebt? Gab es in der Steinzeit etwa Aufdrucke auf den in freier Natur gesammelten Nüssen: »Hier aufknacken«? Oder hatte das jagdbare Wild Markierungen auf dem Fell: »Bitte hier Speerspitze einstecken«? Seltsamerweise haben unsere so viel dümmeren Vorfahren es offenbar trotzdem geschafft, an ihr Essen zu kommen.
  Hätten sie sich also von einer Käsepackung aufhalten lassen? Vermutlich nicht – wenn sie gewusst hätten, dass darin etwas Essbares zu finden ist. Man sollte also annehmen, dass der Aufdruck »Käse« vollkommen ausreichend ist und sich alles weitere von selbst ergibt.
  Weniger ist eben manchmal mehr – und das wussten auch schon die Menschen in der Steinzeit. Wie ich aus sicherer Quelle erfahren habe, pflegten unsere Vorfahren nämlich ursprünglich vor jedem Lagerfeuer ein Warnschild anzubringen: »Vorsicht! Heiße Flammen!« Damit wollten sie verhindern, dass jemand sich beim Entziffern der Gebrauchsanleitungen auf Nüssen, Muscheln, Markknochen etc. zu dicht an die Flammen beugt und womöglich Verletzungen davonträgt. Man hatte allerdings nicht die Stolpergefahr bedacht, die von solchen Schildern unmittelbar vor den lodernden Flammen ausging, und so kamen Warnhinweise für lange Zeit aus der Mode. Wenn auch vermutlich nur deshalb, weil die Schadensersatzforderungen den Hersteller der Schilder in den Bankrott trieben.
  Man sieht, im Vergleich dazu sind die heutigen Verhältnisse noch harmlos, und vielleicht sind wir ja doch ein wenig klüger geworden.

Donnerstag, 1. Juni 2006

Der Ärztestreik und der Rücken der Patienten ...

Angeblich wollen die Krankenhausärzte ihren Streik ja nicht auf dem Rücken der Patienten austragen: Die Notfallversorgung sei sichergestellt, so heißt es. Nur: Was ist ein Notfall? Ganz offensichtlich liegt ein Notfall nur dann vor, wenn ein Patient im nächsten Augenblick tot umzufallen droht.
  Heute in der Zeitung war der Fall eines Patienten geschildert, der schwer rückenleidend ist. Er kann sich nur mit Gehhilfen bewegen, höchstens 50 Meter am Stück, und das auch nur unter ständigen Rückenschmerzen bis hin zu Taubheitsgefühlen in den Gliedmaßen. Eine Operation war bereits vorgesehen und geplant, doch wegen des Streiks ist sie nun auf unbestimmte Zeit verschoben – also, wenn man mich fragt, so wird in diesem Fall der Streik auf dem Rücken eines Patienten ausgetragen, und zwar buchstäblich!
  Würde man einem Menschen absichtlich solche Schmerzen zufügen, wie dieser Patient sie erdulden muss, so würde man sicher von »Folter« sprechen. Das kann man den Ärzten natürlich nicht vorwerfen, denn sie fügen dem Patienten die Schmerzen ja nicht zu. Ein wenig schlimmer als eine unterlassene Hilfeleistung ist es aber wohl doch: denn von einer unterlassenen Hilfeleistung spricht man ja dann, wenn ein ansonsten völlig Unbeteiligter keine Hilfe leistet. Unbeteiligt sind die Ärzte allerdings nicht; immerhin war ja eine Operation fest geplant, womit wohl so etwas wie eine »Vereinbarung« vorliegt, die von den streikenden Ärzten gebrochen wurde.
  Man muss also wohl feststellen, dass der Ärztestreik zumindest in diesem und in ähnlich gelagerten Fällen dazu führt, dass Ärzte Leid und Schmerzen von Patienten zu verantworten haben. Nach meinem Empfinden bewegt sich die moralische Verfehlung dabei, wie oben dargelegt, irgendwo zwischen »Folter« und »unterlassener Hilfeleistung«. Ich frage mich, ob ein Arzt, der einen konkreten Patienten unerträgliche und vermeidbare Schmerzen erdulden lässt, um mehr Geld zu bekommen, bei entsprechender Bezahlung auch Beihilfe zu tatsächlicher Folter leisten würde ... oder ob die Ärzte, wenn sie Operationstermine verschieben, es zuvor vielleicht tunlichst vermieden haben, den Patienten kennen zu lernen und ob das vielleicht den Unterschied ausmacht, dass sie sein Leid nicht mitansehen müssen.
  Jedenfalls fällt mir die Vorstellung schwer, das nach einem solchen Umgang mit dem Leid eines anderen noch ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient entstehen kann. Es bleibt das Gefühl, dass hier die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht mehr gewahrt ist.


Womit sich natürlich die Frage stellt, wie die Klinikärzte überhaupt noch ihre berechtigten Forderungen durchsetzen sollen, wenn ihre Verhandlungspartner sich stur stellen und jede (Streik-)Maßnahme gleich mit der Keule der »ärztlichen Verantwortung« niedergeknüppelt wird. Das ist sicher ein Problem ... für das wohl die Insider ein Lösung finden müssen. Denn so, wie es jetzt geht, sollte es eigentlich nicht gehen.
  Meine Traumvorstellung wäre da schon ein »Bürokratiestreik«: Die streikenden Ärzte gehen nicht zu Demonstrationen, sondern zu ihren Arbeitsplätzen und stehen für die Patienten zur Verfügung. Weil sie aber streiken und nicht arbeiten, wäre das nur eine »freiwillige Hilfeleistung« - verbunden mit der strikten Weigerung, irgendwelche Formulare auszufüllen.
  Das würde vielleicht sogar die tatsächlichen Verhandlungspartner der Ärzte unter Druck setzen, nämlich die Klinikleitungen und die Klinikträger – weil dann nämlich in den Einrichtungen die Mittel für medizinische Betreuung zur Verfügung gestellt werden müssten, ohne dass die Möglichkeit der Abrechnung besteht.
  Und wenn die Kliniken das nicht wollen, dann müssten sie eingreifen, die Ärzte am Arbeiten hindern und die Patienten nach Hause schicken; und da es ja in erster Linie um Kliniken in öffentlicher Trägerschaft geht, läge der Schwarze Peter dann nicht mehr bei den Ärzten, sondern bei den Politikern – die dann begründen müssten, warum sie die Patienten nicht behandeln lassen, obwohl die Ärzte da sind und sich um sie kümmern wollen. Das sieht, auf den ersten Blick, doch nach einer rückenschonenden und doch offensiven Streikform aus.
  Aber, wie gesagt, damit müssen sich wohl die Insider auseinandersetzen. Und vermutlich kennen die Ärzte, so sehr sie sich auch über die Zunahme der Bürokratie beklagt haben, trotzdem genug Gründe, warum sie ohne diese Bürokratie dann doch keine Hilfeleistungen anbieten können. Vor allem, so lange der eigene Rücken noch gesund genug ist, um damit Transparente tragen zu können ...

Nachtrag:

Nun ist es soweit, und der Ärztestreik hat sein erstes Todesopfer gefordert: Eine herzkranke Frau starb in Göttingen, nachdem ihre Aufnahme in der Klinik wegen Streik abgelehnt wurde (Quelle: rp-online). Ich denke durchaus, dass der Arzt, der diese Entscheidung getroffen hat, wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt werden kann & sollte - entsprechende Präzedenzfalle ohne Streik-Hintergrund gibt es genug. Obwohl diesmal vermutlich genug Vorwände dafür gefunden werden, warum man dem Arzt keinen Vorwurf machen kann, wenn er sein Recht auf Arbeitskampf höher schätzt als ein Menschenleben ...

Sonntag, 28. Mai 2006

The worst Cliffhanger ever ...

Gestern Nacht hatte ich einen Traum. Ich gehörte zu einer Gruppe Personen, die mit einer anderen Gruppe einen Wettkampf austrug, und das Ganze spielte in einem Fantasy-Setting. Durch irgendwelche unfairen Machenschaften bekamen wir Gelegenheit, der anderen Gruppe schon vorneweg bei der Lösung der letzten Aufgabe zuzusehen. Wir versammelten uns also vor der Kristallkugel (oder was auch immer), und ich sah folgendes:
  Unsere Kontrahenten hatten eine Festung zu bewachen. Das letzte verbliebene Mitglied dieser Gruppe saß auf einer Bank vor einem hohen Palisadenwall, unmittelbar neben dem Tor. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte grell in einen leeren Innenhof hinab. Es war staubig und wirkte einsam – kein Wunder, wo dieses Fort doch nur einen einzigen Verteidiger hatte.
  Plötzlich veränderte sich kaum merklich etwas an der Szenerie. Man mochte erahnen, dass die obersten Spitzen der Palisaden erzitterten, wie bei einem leichten Erdbeben. Die Erschütterungen mussten erheblich sein, und doch schnarchte die einsame Wache auf ihrer Bank ungerührt weiter.
  Mit einem Mal flog das Tor neben ihr auf. Der schwere Riegel zerbarst, der eine Flügel des Tores schwang auf die Bank und die nun nicht mehr schlafende Wache zu. Man sah noch, wie der Krieger hochschreckte und nach den Waffen tastete. Er sah ebenso erschrocken wie hilflos aus – doch dann verdeckte der Torflügel aus massiven Holzbohlen seine Gestalt. Zum Glück bildete das Tor einen kleinen Vorbau, so dass die Wache in einer geschützten Nische saß und man nicht befürchten musste, dass sie von dem Tor zerschmettert wurde, als es nun schwer in die Palisaden krachte.
  Durch das Tor schob sich ein gewaltiger Drache, der sich mit einem einzigen Hieb seiner massigen Pranken Zugang verschafft hatte. Sein Leib war lang gezogen, und die Schuppen schillerten grünlich im Sonnenlicht. Lange Schnurrhaare, die vielleicht auch Fühler sein mochten, hingen ihm unter den mächtigen Fangzähnen von den Lefzen herab.
  Der Drache blickte sich um, doch die Wache, die immer noch hinter dem Tor verborgen stand, konnte er nicht sehen. Sein eigenes Ungestüm hatte dem Gegner Deckung verschafft. Er richtete die großen, gelben Augen wieder auf die Mitte des Hofes, während hinter ihm, vom eigenen Schwung getragen, der Torflügel allmählich wieder zuschwang und jeden Augenblick den einsamen Krieger schutzlos im Rücken des Ungeheuers entblößen musste.
  Mit schlangenhafter Eleganz bewegte der Drache sich weiter in die Festung. Er hob witternd den Kopf. Hinter ihm konnte man inzwischen den Krieger wieder erkennen. Diesem waren beim Anblick des ungeheuerlichen Tieres sichtlich die Knie weich geworden. Er hatte nach dem Schwert gegriffen, doch nun hing die Klinge kraftlos in seinen Armen herab.
  Hektisch suchte er nach einem Ausweg. Sein Blick flog zur Kante des Torflügels, der nun noch halb offen stand, und er schien abzuwägen, ob er sich wohl hinter dem Drachen her und an seinem Schwanz vorbei nach draußen schleichen konnte.
  Da blähten sich die Nüstern des Ungeheuers, das Wittern wurde lauter und sein Schnurrbart (oder die Fühler) zuckte heftig. Er richtete sich auf, bis seine Stirn die Palisaden um mehr als das Doppelte überragte. In derselben, geschmeidigen Bewegung wandte er sich dem einsamen Verteidiger der Festung zu und ragte hoch über ihm auf.
  Geifer tropfte von seinen Lefzen, die sich emporhoben und Reihen scharfer Zähne entblößten. Sein Oberkörper, der ansatzlos in Hals und Kopf überging, schwang ein wenig zurück, als würde er zum Zustoßen ausholen.
  Der Krieger fasste in verzweifeltem Mut das Schwert fester und suchte so gut wie möglich den schwingenden Torflügel als Flankendeckung zu nutzen.
  Eine Anmutung explosiver Bewegung; der entscheidende Kampf nahm seinen Anfang ...


Piep-Piep-Piep ...


Der Wecker klingelte. Ich glaube, ich bin noch nie mit einem solchen Cliffhanger aus einem Traum gescheucht worden.

Mittwoch, 24. Mai 2006

Das Anti-Methusalemkomkplott

Jüngst habe ich »Eine Trillion Euro« gelesen, eine Anthologie mit Science-Fiction-Geschichten. In manchen diesen Erzählungen ging es auch um (künftige) Möglichkeiten, das Leben zu verlängern und bis ins hohe Alter jung zu bleiben.
  Da es ja nun eine heilige Pflicht der Literatur ist, möglichst überall Probleme zu sehen, wurde auch bei diesem Thema gebührend alles aufgelistet, was da so schief laufen kann: Hundertjährige, die noch fit wie fünfzig sind, aber sich trotzdem nicht mehr aus ihrer Seniorenresidenz hervorwagen und den ganzen Tag lang im Erinnerungs-Stimulator immer dieselben Erlebnisse ihrer Jugend wiederholen; und die Kinder der »jungen Alten«, wie sie grollend darauf warten, dass die Eltern endlich abtreten und ihnen Platz machen ... sprich: Es wurden sämtliche längst überholten Klischees der »Altersprobleme« neu durchgehechelt.
  Von der SF würde ich eigentlich eine andere Perspektive erwarten, nämlich visionär und zumindest auf dem neuesten Stand, nicht nur eine Wiederholung der Bedenken des letzten Jahrhunderts.


Denn würde ein fitter Hundertjähriger tatsächlich nur noch in Nostalgie schwelgen und nicht mehr am Leben teilhaben? Ein solches Verhalten ist wohl kaum eine unausweichliche Folge des Alterns, sondern eher von körperlichem und geistigem Zerfall. Ein alter Mensch zieht sich von der Welt zurück, wenn er das Gefühl hat, nicht mehr mithalten zu können. Man flieht sich in Erinnerungen, wenn die körperlichen und geistigen Fähigkeiten dafür sorgen, dass man an den Geschehnissen der Gegenwart nicht mehr teilhaben kann – eine eingeschränkte geistige Regsamkeit ist also ein gesundheitliches Problem, und keinesfalls eine selbstverständliche Geisteshaltung alter Menschen.
  Meine These lautet also: Wenn ein 100-Jähriger so fit ist wie ein 50-Jähriger, dann wird er sich auch wie ein 50-Jähriger verhalten. Wenn in irgendeiner fernen Zukunft nicht nur die Lebenserwartung der Menschen steigt, sondern auch ihre körperliche Gesundheit, dann wird das Verhalten und das Denken dieser Menschen den neuen körperlichen Möglichkeiten auch folgen – eine »Vergreisung« kommt als eigenständiges Problem überhaupt nicht vor.
  Das ist nicht nur eine Vermutung von mir, sondern tatsächlich deuten alle aktuellen Untersuchungen zum Thema in genau diese Richtung. Wer aufmerksam Zeitung liest, wird regelmäßig auch Studien zu den »neuen Alten« finden und feststellen, dass die Realität schon längst die klassischen Vorstellungen vom Alter überholt hat: Die neue »Großeltern«-Generation wird nicht nur älter als die Generationen davor, und das bei besserer Gesundheit, sondern sie verhält sich auch anders: Sie nimmt am gesellschaftlichen Leben teil, verhält sich im Rahmen der gesundheitlichen Möglichkeiten aktiv und fächert sich in eine Vielfalt unterschiedlicher Lebensstile auf, die jedem Alters-Klischee Hohn sprechen.
  Natürlich gibt es sie noch, die »typischen Alten«; und natürlich kommt es oft genug vor, dass die gesteigerte Lebenserwartung unserer Zeit auch eine Phase körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit verlängert. Aber alles deutet darauf hin, dass das kein Problem des Alters, der hohen Lebenserwartung und der Psychologie ist, sondern einzig und allein der Gesundheit. Soweit man die medizinischen Probleme in den Griff kriegt, wird auch das Alter an sich nicht zu einem pathologischen Zustand.


Auch was die Probleme des Generationenwechsels betrifft, ist unsere Gesellschaft heute schon weiter, als das Klischee wahrhaben möchte. Tatsächlich haben sich die Strukturen schon an die veränderte Lebenserwartung angepasst.
  Nicht umsonst ist es heute nur noch selten so, dass die Kinder beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Während früher die Mittel zur Berufsausübung meist in der Familie lagen und es sinnvoll war, diese Mittel über eine familiäre Kontinuität abzusichern, gehen doch heute die meisten Individuen ihren eigenen Lebensweg und suchen sich Aufgaben, die nicht in Konkurrenz zu den älteren Generationen der Familie stehen. Sicher mag es noch irgendwelche Kinder geben, die nur darauf warten, dass sie endlich die Firma der Eltern erben können – aber eine solche Haltung muss man wohl doch eher als Aberration denn als den gesellschaftlichen Normalfall ansehen.
  Ich würde also nicht mehr erwarten, dass die jüngeren Generationen sich durch eine längere Lebenserwartung der Älteren unter Druck gesetzt fühlt. Die persönlichen Beziehungen zwischen den Generationen wurden auf breiter Basis des Wettbewerbs entkleidet, und man strebt weniger nach »Nachfolge« denn nach einer möglichst langen Beibehaltung des Ist-Zustandes: Man hat sich an die Vorstellung gewöhnt, dass die älteren Generationen möglichst lange da sind und bei guter Gesundheit, und jede Veränderung dieses Zustandes wird eher als Bedrohung empfunden.
  Auch in dieser Hinsicht ist unsere Gesellschaft also schon sehr viel besser an die veränderten Lebensverhältnisse angepasst, als mancher Geschichtenerzähler wahrhaben möchte. Und es zeigt sich, dass die meisten Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen ganz automatisch und unmerklich vonstatten gehen und man sich oft zu viele Gedanken macht über Probleme, die niemals auftreten werden.


Wenn ich also die genannten Geschichten und auch andere Veröffentlichungen zur Altersfrage verfolge, habe ich nicht so sehr das Gefühl, dass es tatsächlich ein Problem mit der gestiegenen Lebenserwartung unserer Gesellschaft gibt. Ich habe vielmehr das Problem, dass es konservative Personen der mittleren Alterslage gibt, die gerne ein Problem konstruieren wollen. Die in erster Linie zurückblicken und sich ihr Bild vom »Alter« aus der Vergangenheit holen und es dann in die Zukunft projizieren, ohne die notwendigen Veränderungen zu berücksichtigen.
  Ich gewinne also den Eindruck, dass zunehmend ein »Anti-Methusalem-Komplott« stattfindet, indem aus einem traditionalistischen »Altersbild«, verbunden mit einem idealisierten Jugendideal, ein Bedrohungszenario gezeichnet wird. Es wird ein Bild von »alten Menschen« gezeichnet, das man verteufeln kann – was natürlich umso leichter geht, wenn man die tatsächlichen Alten nicht mehr anschauen muss.
  Das ist schade, denn es lenkt doch die Aufmerksamkeit ab und verhindert eine konstruktive Steuerung des gesellschaftlichen Wandels, die den Realitäten Rechnung trägt. Und es vernebelt den Blick auf den einzigen greifbaren, materiellen Kern der Altersproblematik, die sich im Grunde auf die rein gesundheitlich-medizinische Komponente reduzieren ließe. Und das legt den Schluss nahe, dass die Diskussion der Altersfrage derzeit eher als Nebenschauplatz einer neoliberalen Gesundheits-Spardebatte geführt wird – und dass auch die Literaten sich von dieser Perspektive leicht einnebeln lassen.

Montag, 22. Mai 2006

Gestrandet

un bin ich aus Wangerooge zurück. Was die Urlaubsseite betrifft, so hätte es kaum besser sein können: Zweieinhalb Wochen Sonnenschein, und selbst in den letzten Tagen hat es meist nur nachts geregnet. So viel zur Haben-Seite dieses Nordseeaufenthalts.
  Der Soll liegt eindeutig im technischen Bereich.


Über die Probleme bei den Internet-Cafes habe ich ja schon berichtet: keine Möglichkeit, eine externe Tastatur und damit meinen Alphasmart anzuschließen, keine Möglichkeit, eine CF-Karte oder sonst ein externes Medium einzulesen. Damit war es mir einerseits nicht möglich, mein Blog zu pflegen, weil ich die vorbereiteten Texte nicht von meinen Geräten ins Internet überspielen konnte. Aber schlimmer noch: Es war mir überhaupt nicht möglich, irgendwelche erstellten und bearbeiteten Texte zwecks Sicherheitskopie ins Netz zu schicken.
  Aber auch ansonsten war die Netzanbindung auf der Insel be...scheiden. Bei jeder neuen Seite haben die Computer erst mal eine halbe Minute Kaffeepause eingelegt, und sich dabei oft genug wegen Zeitüberschreitung selbst aus der Verbindung katapultiert. Sehr ärgerlich, wenn man im Internetcafe für jede Minute zahlt und dann künstlich ausgebremst wird.
  Normalerweise begegne ich schlechten Übertragungszeiten, indem ich mehrere Fenster gleichzeitig öffne und in dem einen lese, während im nächsten schon die neue Seite geladen wird. Aber auch diese Multitasking-Fähigkeit war in sämtlichen Inselnet-Cafes geblockt. Und begründet waren all diese Einschränkungen mit »Virenschutz«.
  Was natürlich Blödsinn ist: Die Virenschutz-Mechanismen, die vor Bedrohungen aus dem Internet schützen, können in gleichem Maße auch externe Datenträger beobachten. Wenn also ein Schutz vorhanden ist, kann man dem Kunden auch eine vernünftige Funktionalität zur Verfügung stellen; wenn der Schutz dafür nicht ausreichend eingerichtet ist, müsste man eigentlich auch den Zugang zum Internet versperren, um tatsächlich für »Virenschutz« zu sorgen.
  Ich persönlich habe zu meiner Zeit als Programmierer noch gelernt, dass man technische Probleme möglichst nicht an den Anwender weiterleiten soll, sondern vorher auffangen. Das geschieht auf Wangerooge deutlich nicht. Entweder ist das ein bewusstes und kundenunfreundliches Ausbremsen – oder aber sämtliche Websysteme auf der Insel werden von irgendeinem Hobby-Frickler mit nur mäßigen EDV-Kenntnissen betreut, der es einfach nicht besser hinkriegt. Da alle öffentlich zugänglichen Systeme auf der Insel die gleichen Macken und auch z.T. sehr exotische Einrichtungsmerkmale hatten, die sich zufällig m.E. nach nicht zweimal entwickeln können, ist letztere Variante durchaus nicht unwahrscheinlich.


Nun ja, aber danach habe ich mich selbst noch zusätzlich ausgebremst. Ich bin nämlich keinesfalls so schlecht vorbereitet, dass ich mich von solchen Fährnissen nicht unabhängig machen könnte. So habe ich beispielsweise die Möglichkeit, über meinen Pocket PC und Handy aufs Internet zuzugreifen. Das ist zwar langsam und nicht gerade preisbewusst, aber um Mails abzurufen und Texte sicherheitszukopieren reicht diese Verbindung. Ich habe schon oft darauf zurückgegriffen, wenn ich auf Reisen mit der örtlichen Infrastruktur nicht zufrieden war.
  Auf Wangerooge bekam ich aber nach wenigen Sekunden immer die Meldung: Verbindung getrennt.
  Es dauerte eine Weile, bis ich den Grund dafür herausfand: Der Provider, den ich bisher immer benutzt habe, hat vor zwei Monaten unbemerkt seine Zugangsnummer geändert. Und als ich mit einiger Mühe die neue Nummer herausgefunden hatte, kam ich auch nicht weiter; denn diese neue Nummer unterstützt nicht mehr den Zugang über Mobilnetz. Ein Problem, das ich kurzfristig nicht lösen konnte ...
  Der letzte Schlag schaltete dann auch noch meinen letzten Workaround aus: Ich arbeite nicht am Computer, wenn ich keine Backups machen kann. Nach meiner Trennung vom Netz blieb mir allerdings immer noch die Möglichkeit, Backups vom Pocket-PC auf mehreren CF-Cards zu machen. Ich packte den Alphasmart also beiseite und setzte mich zum Tippen an den Pocket-PC ... Und stellte fest, dass ich tippen konnte, was ich wollte: Auf dem Bildschirm kam nichts an!
  Dazu muss man wissen, dass der Pocket-PC nur eine sehr kleine Tastatur hat, die man blind nicht benutzen kann. Allerdings habe ich noch eine externe Tastatur, die immer noch sehr klein ist, aber durchaus 10-Finger-fähig. Aber für diese Tastatur waren keine Treiber mehr installiert ...
  Ich konnte es nicht fassen. Erst im letzten Jahr habe ich in Spanien den Pocket-PC mitsamt externer Tastatur rege genutzt, und seitdem bewusst nichts mehr geändert. Aber offenbar hatte ich zwischendurch einen System-Reset durchführen müssen, und die Backup-Dateien hatten ein System ohne Tastatur-Treiber gespiegelt. Das wäre an sich nicht so schlimm gewesen, denn die Tastaturtreiber lassen sich schnell aus dem Internet herunterladen – aber zum Datenaustausch zwischen Internet und meinen Geräten auf Wangerooge: Siehe oben!


Und das war es dann. Keine Möglichkeiten, während dieses Nordsee-Aufenthaltes irgendwas vernünftig zu tippen & zu sichern. Damit konnte ich alles streichen, was ich am Computer machen wollte; auch die Blogeinträge, die ich zumindest vortippen und dann rasch aufspielen wollte, sind spärlicher ausgefallen als geplant.
  Und so kam es, dass ich zwar einen schönen Urlaub hatte, in technischer Hinsicht aber tatsächlich auf einer einsamen Insel gestrandet bin.

Sonntag, 30. April 2006

Lomax fährt zur See

Morgen bin ich wieder unterwegs: Die Nordseeinsel Wangerooge ist das Ziel, und dort werde ich die nächsten drei Wochen verbringen.
Damit bin ich nicht ganz so aus der Welt wie vor einem Monat kurz vor Abgabe meiner letzten Übersetzung. Ich habe auch an der Nordsee durchaus Zeit, mich um mein Blog zu kümmern - allerdings weiß ich nicht, wie gut ich die Texte von dort aus online stellen kann.
Auf Wangerooge gibt es öffentlichen Zugang zum Internet, wie ich schon feststellen konnte. Unklar bleibt nur, wie gut alles klappt, und ob ich dort die Blog-Texte von meinem Pocket-PC auf den Internet-Rechner bekomme. Davon hängt ab, wie viel man in den nächsten drei Wochen hier von mir lesen wird.

Morgen oder Übermorgen weiß ich mehr. Ich schätze mal, dass ich auch im hohen Norden noch zwei Einträge pro Woche hinbekommen werde. Wenn man bis zum Wochenende nichts von mir hört, gab's wohl doch technische Probleme. Dann werde ich darüber motzen, sobald ich wieder zu Hause bin ;-)